30/11/2023
Der Coiffeurberuf wird oft unterschätzt, dabei steckt hinter jedem perfekten Haarschnitt nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch eine tiefe Kenntnis der menschlichen Psyche und des Haares. Charles Aellen, ein Star-Coiffeur aus Zürich, der seit über 40 Jahren im Geschäft ist, gewährt uns einen exklusiven Einblick in die Welt der Haare, die Herausforderungen seines Berufs und warum Qualität ihren Preis hat. Er erklärt, warum es für einen exzellenten Schnitt Ruhe braucht, wie man Haare richtig pflegt und welche Rolle das Vertrauen zwischen Kunde und Coiffeur spielt. Tauchen Sie ein in eine Welt, in der Haare mehr sind als nur Fasern auf dem Kopf – sie sind Ausdruck von Persönlichkeit und Wohlbefinden.

- Der Coiffeurberuf: Eine aussterbende Kunst?
- Warum ein Haarschnitt seinen Preis hat: Die Ökonomie der Schönheit
- Die Kunst des Coiffeurs: Mehr als nur Schere und Kamm
- Haarprobleme und die ehrliche Botschaft
- Die Geheimnisse der richtigen Haarpflege: Wissen ist Macht
- Vom Geheimtipp zum Star-Coiffeur: Strategien für den Erfolg
- Der Wandel im Coiffeurberuf: Zwischen Filter und Realität
- Haare als Ausdruck der Persönlichkeit: Mut zur Individualität
- Die Psychologie im Salon: Nähe, Vertrauen und Stille
- Fazit: Eine Branche im Wandel, die nach Wertschätzung strebt
Der Coiffeurberuf: Eine aussterbende Kunst?
Die Frage, wie lange man als Coiffeur arbeitet, ist schnell beantwortet: Oftmals sind es durchschnittlich acht bis neun Stunden pro Tag, nicht selten ohne eine einzige Pause. Hinzu kommt die obligatorische Samstagsarbeit. Doch die reine Arbeitszeit ist nur ein Aspekt der Herausforderungen, denen sich Coiffeure heute stellen müssen. Charles Aellen, der mit seiner «Charles Aellen Company» zu den besten Adressen in Zürich zählt, sieht seinen Beruf vom Aussterben bedroht. Der Hauptgrund: Es mangelt an talentiertem Nachwuchs.
Die Attraktivität des Berufs leidet unter mehreren Faktoren: lange Arbeitszeiten, oft schlechte Bezahlung und die Notwendigkeit, auch an Wochenenden zu arbeiten. Aellen beschreibt die mangelnde Wertschätzung in der Gesellschaft eindringlich: «Dann stellen Sie sich vor, wie es ist, in einer Runde von Intellektuellen zu sitzen. Sie werden gefragt, was Sie machen, und antworten: „Coiffeur“ – da drehen die sich um und reden mit dem Nächsten!» Diese fehlende Anerkennung für das «Handwerk», das Coiffeure ausüben, ist für viele junge Menschen entmutigend. Aellen vergleicht sein Metier mit dem eines Elektrikers, Malers oder Schreiners. Der Unterschied? Coiffeure können nicht einfach einen Stundenlohn von 150 bis 180 Franken plus Material und Anfahrtszeit abrechnen, obwohl ihr Können und ihre Expertise ebenso hoch sind.
Warum ein Haarschnitt seinen Preis hat: Die Ökonomie der Schönheit
Die Preise für einen Haarschnitt variieren stark. Während Charles Aellen für einen Schnitt 200 Franken verlangt, bieten Barbershops ihre Dienste teilweise schon für 35 Franken an. Diese Preisspanne wirft Fragen auf, die Aellen offen beantwortet. Seine Preise, so erklärt er, sind notwendig, um Löhne, Lieferanten und die extrem hohen Mieten in Zürichs Innenstadt zu decken. «Der Quadratmeterpreis für eine interessante Geschäftslage in der Zürcher Innenstadt gehört zu den höchsten in der Schweiz», betont er. Viele kleine Salons scheitern, weil sie sich nicht trauen, einen angemessenen Preis für ihre Arbeit zu verlangen, was wiederum die Bezahlung der Mitarbeiter niedrig hält und die Anstellung neuer Talente erschwert.
Aellen ist überzeugt, dass die Gesellschaft bereit sein muss, mehr für hochwertige Coiffeurdienstleistungen zu zahlen. Eine erfahrene Coiffeuse, die vielleicht ein Kind hat, benötigt ein monatliches Einkommen zwischen 5000 und 10 000 Franken, um überhaupt existieren zu können. Dies sei angesichts des hohen Stundenaufwands unerlässlich. Die Entstehung von «neuen Geschäftsmodellen» wie den Barbershops, die schnell und günstig arbeiten, sieht er zwar nicht grundsätzlich negativ, da man dort «jemanden, der viel mehr wert ist als 35 Franken» finden kann. Doch diese Talente bleiben oft nicht lange. Zudem bieten solche Konzepte oft nur «drei, vier Haarschnitte, die sie können», was zu einer Uniformität im Aussehen der Kunden führt – eine Arbeit, die Aellen nicht interessiert.
Die Kunst des Coiffeurs: Mehr als nur Schere und Kamm
Was macht einen guten Coiffeur aus? Für Charles Aellen ist es die Zeit, die er in den einzelnen Menschen investiert und die Fähigkeit, zu erkennen, wohin der Kunde optisch möchte. «Mich interessiert der einzelne Mensch, wohin er optisch will», sagt er. Dies erfordert ein «grosses Vokabular an Techniken» und die Gabe, zu sehen, was zu einer Kundin passt und mit ihrem Haar machbar ist. Der ideale Coiffeur ist jemand, dem man «Vertrauen» kann und von dem man sich verstanden fühlt. «Beim Rausgehen müssen Sie sich gefallen und nicht das Gefühl haben, jetzt müssten Sie grad die Haare neu stylen oder alles runterwaschen. Dann ist es der perfekte Match!»
Neben dem technischen Können ist die menschliche Komponente entscheidend. «Wer keine Lust hat, sich mit einem anderen Menschen auseinanderzusetzen, ist falsch in diesem Beruf», erklärt Aellen. Es sei wie bei einem Arzt, der kein Blut sehen kann. Die Fähigkeit zur Empathie und Kommunikation ist also ebenso wichtig wie der Umgang mit Schere und Kamm. Coiffeure sind nicht nur Stylisten, sondern oft auch Zuhörer und Vertraute, die eine positive Persönlichkeit mitbringen müssen, um die ständige physische Nähe zu ihren Kunden zu meistern.
Haarprobleme und die ehrliche Botschaft
Coiffeure sind oft die ersten Ansprechpartner bei Haarproblemen. Wenn eine mittelalte Frau über dünner werdendes Haar klagt, versucht Aellen zunächst zu klären, ob ein gesundheitliches oder hormonelles Problem dahintersteckt. In solchen Fällen ist es seine Verantwortung, die Kundin zum Arzt zu schicken, da dies nicht sein Fachgebiet ist. Eine weitere Herausforderung sind Kunden mit unrealistischen Erwartungen. Manche träumen von Frisuren oder Haarqualitäten, die mit ihrem eigenen Haar nicht zu erreichen sind. Aellen erklärt dann die Grenzen des Machbaren und bietet Alternativen wie Extensions oder im Extremfall eine Perücke an. Die «einfachste Lösung ist jedoch, irgendwann mit seinem Spiegelbild Frieden zu schliessen».
Klare und ehrliche Kommunikation ist für Aellen das A und O. «Wir müssen immer erklären, was wir machen», betont er. Besonders beim Haarefärben ist es wichtig, den Prozess zu verstehen: dass das Haar künstlich geöffnet, die natürliche Haarfarbe zerstört, neue Farbe eingebracht und das Haar wieder geschlossen wird. Wenn Kunden zu Hause «mit irgendwas» waschen, öffnet sich das Haar wieder, die künstlichen Pigmente verflüchtigen sich, und das Ergebnis ist ein «ausgebleichter Strohkopf». Dieses Wissen um die richtige «Pflege» ist entscheidend, aber oft nicht vorhanden.
Die Geheimnisse der richtigen Haarpflege: Wissen ist Macht
Charles Aellen kritisiert, dass vielen Menschen das Wissen um die richtige Haarpflege fehlt. Oft werden zu viele Produkte verkauft, die gar nicht benötigt werden, weil viele Coiffeure durch Zusatzverkäufe ihr zu geringes Stundenhonorar ausgleichen müssen. «Das ist das grösste Verbrechen», sagt Aellen. «All diese Stylingprodukte nützen dir nichts, wenn du nicht weisst, wie du deine Haare richtig waschen und pflegen musst.» Die Waschanleitung für die Haare sollte vom Coiffeur kommen – wie die Waschanleitung für ein «Masterpiece von einer Bluse»>.
Wie wäscht man die Haare richtig?
Aellen gibt konkrete Tipps für die richtige Haarwäsche:
- In den meisten Shampoos ist zu viel Pflege enthalten, die «hängende Haare ohne Griff» macht.
- Man sollte nur sehr wenig Produkt verwenden und dieses gut aufschäumen. «Der Schaum wäscht, die Bläschen sind wichtig.»
- Dazu muss immer wieder ein bisschen Wasser auf das Haar gegeben werden, um den Schaum zu aktivieren und zu verteilen.
- Gründliches Ausspülen ist entscheidend, um Schuppen oder «platt am Kopf klebende» Haare zu vermeiden.
- Bei chemisch behandeltem Haar empfiehlt er Shampoos mit einem sauren pH-Wert, damit die Farbe länger hält.
Nach dem Shampoo kommt der Conditioner. «Aber nein, das muss man wissen, der verschliesst nur die Schuppenschicht und sorgt dafür, dass das Haar nicht verletzt wird!», erklärt Aellen. Es ist keine «Pflege wie eine Maske» und sollte maximal eine Minute einwirken. Tägliches Haarewaschen ist laut Aellen übrigens nicht schlecht: «Warum sollte es? Wir waschen ja auch täglich unsere Hände.»
Die Macht der Bürste
Die alte Regel von hundert Bürstenstrichen am Tag ist «leider vergessen gegangen und ist nach wie vor etwas vom Besten». Diese Technik, die schon Aellens Urgrossmutter anwandte, hilft, den natürlichen Talg vom Kopf in die Längen des Haares zu verteilen. Dies ist jedoch nur mit einer «sehr guten Haarbürste» möglich, da sonst das Haar beschädigt wird. Er empfiehlt die Bürsten von Alexandre de Paris mit zwei verschiedenen Borsten, die auch Grace Kellys Figaro verwendete.
Vom Geheimtipp zum Star-Coiffeur: Strategien für den Erfolg
Charles Aellens Salon ist bekannt für seine prominente Kundschaft, darunter Charlène von Monaco und Roger Federer. Doch der Weg dorthin war nicht immer einfach. Nach der Eröffnung seines Salons in einer grossen Villa an bester Zürcher Lage im Jahr 1995 – «vielleicht etwas naiv» – stellte er schnell fest, dass der Raum für sein kleines Team zu gross war und die Kunden fehlten. «Da mussten wir erfinderisch werden», erinnert er sich.
Die Strategie: Sichtbarkeit schaffen. Sie besuchten Vernissagen, sorgten für Fotos in Magazinen und verteilten Pressemappen an Beauty-Journalistinnen. «Säen vor dem Ernten», wie sein Grossvater lehrte. Eine seiner «Lieblingsanekdoten» ist der Einsatz von «Statisten» – Models und gutaussehende Menschen, die für eine Gratis-Haarpflege in den Salon eingeladen wurden, um den wenigen echten Kunden das Gefühl zu geben, an einem «place to be» zu sein. «Ich würde es heute wieder genau gleich machen», sagt Aellen. Die Zusammenarbeit mit der Schweizer Moderatorin Patricia Boser, deren Haare er vor jeder Sendung stylte im Gegenzug für einen Abspann-Hinweis, war ein weiterer Geniestreich. Bald sprach man vom «Charles-Aellen-Blond» – ein natürliches, nicht «billig» aussehendes Blond, das er als Reaktion auf «Pommes-frites-ähnliche» Töne entwickelte.
Um sich nach über vierzig Jahren im Geschäft auf dem Laufenden zu halten, zitiert Aellen Diana Vreeland, die ehemalige Chefredakteurin der amerikanischen «Vogue»: «The Eye Has to Travel» – die Augen müssen reisen. Es gehe darum, Bilder in sich zu sammeln, um kreativ zu bleiben und keine Kopie zu werden. Je mehr Schönes man sieht, desto mehr Schönes kann man selbst schaffen. Mit seinen rund 21 Mitarbeitern pflegt Aellen bewusst eine interne Konkurrenz. «Hat man Leute um sich, die richtig gut sind, will man mithalten. So schlafe ich nicht ein, werde nicht selbstgefällig, denn das ist ja die Gefahr nach so vielen Jahren.»
Der Wandel im Coiffeurberuf: Zwischen Filter und Realität
Die Digitalisierung und soziale Netzwerke wie Instagram haben den Coiffeurberuf stark verändert. «Natürlich, weil man da viel Fake veranstalten kann», sagt Aellen. Kunden kommen oft mit gefilterten Bildern von Haarfarben, die in der Natur so gar nicht existieren. Aellens pragmatische Lösung: «Will jemand so etwas, ist es das Beste, wir fotografieren die Kundin und legen einen Filter darauf. Voilà, da ist die Farbe!»
Auch die Ansprüche und das Verhalten der Kundschaft haben sich gewandelt. Aellen stellt fest, dass der Mensch «allgemein ein wenig unerzogener und unverbindlicher geworden» ist. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass Termine nicht wahrgenommen und nicht einmal abgesagt werden. Wenn der Salon dann die Ausfallzeiten verrechnen möchte, wird dies als «Frechheit» empfunden. Dieses Problem, das auch Restaurants dazu zwingt, Kreditkarten bei Buchungen zu hinterlegen, stellt Coiffeure vor grosse Herausforderungen.
Haare als Ausdruck der Persönlichkeit: Mut zur Individualität
Haare sind ein starkes Symbol für Persönlichkeit und Ausdruck. Aellen spricht über die Tendenz vieler Frauen im mittleren Alter, immer die gleichen Kurzhaarfrisuren zu tragen, oft aus praktischen Gründen. «Und mit diesen Kurzhaarfrisuren, die man rundherum sieht, ist es eher ein Unsichtbarwerden. Man will es nur noch praktisch», kritisiert er. Er bevorzugt «Individualität», wie sie Iris Apfel verkörperte, die «Freude daran hatte, sichtbar zu sein». Auch die ungewöhnlichen Frisuren von Donald Trump oder Boris Johnson, die beide offensichtlich mögen und an denen man sie erkennt, sind für ihn ein Zeichen von Persönlichkeit und dem Wunsch, «nicht zu einer Schafherde gehören» zu wollen.
Auch Aellen selbst hat in seiner Jugend mit Haaren rebelliert. In der Punk-Ära hatte er grüne Haare, streckte seine Locken jede Woche und trug bauchfreie Pullover und hellblaue Plastikhosen – sehr zum Leidwesen seines Vaters. Wenn Kunden mit Bildern von Stars wie Julia Roberts kommen, um deren Look nachzuahmen, empfindet er das nicht als störend. Im Gegenteil, es «hilft» manchmal bei der Erklärung, aber «nicht alles ist machbar».
Die Psychologie im Salon: Nähe, Vertrauen und Stille
Als Coiffeur ist man seinen Kunden physisch sehr nahe, oft nur dreissig Zentimeter entfernt, und das acht bis neun Stunden am Tag. «Das ist etwas vom Strengsten», sagt Aellen. Es erfordert eine «sehr positive Persönlichkeit», um auch an schlechten Tagen von Menschen umgeben zu sein. Während der Arbeit sieht man sich auch ständig selbst im Spiegel, was manchmal verunsichern kann, aber vor allem ein «wichtiges Arbeitsgerät» ist, um mit den Kunden zu kommunizieren und sicherzustellen, dass sie den Schnitt verstehen.
Ein oft diskutiertes Thema ist der Smalltalk beim Coiffeur. Aellen hat dazu eine klare Meinung: «Am allerliebsten ist es mir, wenn beim Haareschneiden nicht gesprochen wird. Denn das ist Energie, die mir abgezogen wird.» Er räumt jedoch ein, dass es Situationen gibt, in denen er den Kunden ein gutes Gefühl geben möchte, etwa wenn sie eine grosse Veränderung durchmachen. Doch im Grunde wäre es «am besten, gar nicht zu reden!»
Fazit: Eine Branche im Wandel, die nach Wertschätzung strebt
Der Coiffeurberuf ist weit mehr als nur Haare schneiden. Er ist ein komplexes Zusammenspiel aus Handwerk, künstlerischer Vision, psychologischem Einfühlungsvermögen und unternehmerischem Geschick. Charles Aellen zeigt mit seiner über vierzigjährigen Erfahrung, dass es möglich ist, in dieser Branche erfolgreich zu sein, wenn man an die Qualität der eigenen Arbeit glaubt, den Wert der Leistung vermittelt und bereit ist, in die Beziehung zum Kunden zu investieren.
Trotz der Herausforderungen wie mangelndem Nachwuchs, geringer Wertschätzung und dem Wandel im Kundenverhalten bleibt die Essenz des Berufs bestehen: die Fähigkeit, Menschen durch einen individuellen Stil und eine professionelle Pflege zu mehr Wohlbefinden und Individualität zu verhelfen. Ein Coiffeurbesuch sollte daher nicht nur als Notwendigkeit, sondern als Investition in sich selbst verstanden werden, die Leidenschaft und Können des Handwerkers würdigt.
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