Ist Haarfarbe krebserregend?

Haarefärben & Krebsrisiko: Eine Aktuelle Studie

20/07/2022

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Seit Langem kursieren besorgniserregende Gerüchte und Studien, die einen Zusammenhang zwischen dem regelmäßigen Färben der Haare und einem erhöhten Krebsrisiko nahelegen. Insbesondere Blasen- und Brustkrebs wurden in diesem Kontext oft genannt, wobei bestimmte Chemikalien in Haarfärbemitteln als mögliche Übeltäter identifiziert wurden. Diese Ungewissheit hat viele Menschen verunsichert, die regelmäßig auf Haarfarben zurückgreifen, um ihren Look zu verändern oder graue Haare zu kaschieren. Doch wie gefährlich ist das Haarefärben wirklich? Eine umfassende, groß angelegte Studie, durchgeführt von einem Forschungsteam um Eva Schernhammer, Leiterin der Abteilung für Epidemiologie der MedUni Wien, bringt nun dringend benötigte Klarheit in diese komplexe Debatte. Ihre im renommierten British Medical Journal veröffentlichten Erkenntnisse könnten die allgemeine Wahrnehmung dieses Themas grundlegend verändern und vielen Nutzern eine Entwarnung geben.

Kann Haare färben Krebs auslösen?
Die Studie über den Zusammenhang von Haarfärbemitteln und erhöhtem Krebsrisiko ist somit die größte ihrer Art. Das Ergebnis dürfte viele überraschen: Das Entstehen von Krebstumoren wird vom häufigen Haare färben nicht beeinflusst. Die Forscher veröffentlichten die Studie im "British Medical Journal".
Inhaltsverzeichnis

Die Langjährige Debatte: Haarefärben und Krebsrisiko

Die Diskussion um die potenzielle Karzinogenität von Haarfärbemitteln ist nicht neu. Über Jahrzehnte hinweg haben Wissenschaftler und Gesundheitsorganisationen die Inhaltsstoffe dieser Produkte unter die Lupe genommen. Viele permanente Haarfärbemittel enthalten aromatische Amine und andere Chemikalien, die in höheren Konzentrationen oder bei beruflicher Exposition als potenziell schädlich eingestuft wurden. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), ein Teil der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hat beispielsweise die berufliche Exposition gegenüber Haarfärbemitteln – also das, womit Friseurinnen und Friseure täglich zu tun haben – als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ klassifiziert. Dieser Hinweis betrifft vor allem Personen, die über einen langen Zeitraum hinweg und in großen Mengen mit diesen Substanzen in Kontakt kommen. Im Gegensatz dazu konnte die persönliche Verwendung von Haarfärbemitteln von der IARC bisher nicht eindeutig klassifiziert werden, da die wissenschaftlichen Beweise nicht schlüssig genug waren. Diese Unterscheidung ist entscheidend: Der persönliche, gelegentliche Gebrauch unterscheidet sich signifikant von der konstanten, oft ungeschützten Exposition im Berufsalltag. Trotz dieser fehlenden klaren Klassifizierung blieb die Sorge in der Bevölkerung bestehen, insbesondere angesichts der weiten Verbreitung von permanenten Haarfärbemitteln, die am häufigsten verwendet werden und die aggressivsten Chemiekalien enthalten können.

Die Größte Studie Bisher: Eine Neue Perspektive

Inmitten dieser Unsicherheit liefert die neue Studie aus den USA, an der das Team der MedUni Wien maßgeblich beteiligt war, die bisher umfassendsten und detailliertesten Erkenntnisse. Diese prospektive Kohortenstudie, die 117.200 Frauen über einen Zeitraum von 36 Jahren verfolgte, ist die größte ihrer Art und zeichnet sich durch ihre lange Beobachtungsdauer und die hohe Teilnehmerzahl aus. Eine prospektive Studie verfolgt Teilnehmer über Jahre hinweg und sammelt Daten, bevor Krankheiten auftreten, was sie besonders aussagekräftig macht, um Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu untersuchen. Die Forscher konzentrierten sich auf den persönlichen Gebrauch von permanenten Haarfärbemitteln und untersuchten systematisch das Risiko für eine Vielzahl von Krebsarten sowie die krebsbedingte Mortalität. Im Gegensatz zu früheren, kleineren Studien oder solchen mit kürzeren Beobachtungszeiträumen konnte diese umfangreiche Analyse für die meisten Krebsarten keine nennenswerten Einflüsse oder Zusammenhänge feststellen. Dies ist eine bemerkenswerte Feststellung, die viel zur Beruhigung der Öffentlichkeit beitragen dürfte, da sie die Annahme eines pauschal erhöhten Krebsrisikos durch Haarefärben infrage stellt.

Entwarnung für die Meisten – Aber Nicht für Alle

Die Kernbotschaft der Studie ist für die Mehrheit der Anwenderinnen von Haarfärbemitteln positiv: Für die meisten Krebsarten, darunter auch die oft genannten Blasen- und die gängigsten Brustkrebsarten, konnte kein signifikanter Zusammenhang zwischen dem persönlichen Gebrauch von permanenten Haarfärbemitteln und einem erhöhten Risiko oder einer erhöhten Sterblichkeit festgestellt werden. Dies ist eine wichtige Information, die vielen die Angst vor dem Haarefärben nehmen dürfte. Doch die Studie fand auch spezifische Ausnahmen und differenzierte Ergebnisse, die eine genauere Betrachtung erfordern. Es wurde ein positiver Zusammenhang für das Risiko von Basalzellkarzinomen (einer Form von Hautkrebs), hormonrezeptor-negativem Brustkrebs (einer aggressiveren Form, die weniger auf Hormontherapien anspricht) und Eierstockkrebs festgestellt. Diese spezifischen Beobachtungen bedeuten, dass das Risiko für diese drei Krebsarten bei regelmäßiger Nutzung von permanenten Haarfärbemitteln leicht erhöht sein könnte.

Die detaillierten Ergebnisse der Studie bieten eine nuancierte Sicht auf das Risiko:

KrebsartZusammenhang mit permanentem Haarefärben (persönlicher Gebrauch)Besondere Hinweise
Die meisten Krebsarten (z.B. Blasenkrebs, viele Brustkrebsarten)Kein nennenswerter Zusammenhang gefundenDie Studie bietet hier eine breite Entwarnung.
Basalzellkarzinom (Hautkrebs)Positiver Zusammenhang beobachtetInsbesondere bei Frauen mit natürlich hellem Haar.
Hormonrezeptor-negativer Brustkrebs (ER-, PR- und ER-/PR-)Positiver Zusammenhang beobachtetEine spezifische, oft aggressivere Form von Brustkrebs.
EierstockkrebsPositiver Zusammenhang beobachtet
Hodgkin-LymphomErhöhtes Risiko nur bei Frauen mit natürlich dunklem Haar beobachtetDeutliche Abhängigkeit von der natürlichen Haarfarbe.

Diese Aufschlüsselung zeigt, dass die Pauschalannahme eines erhöhten Krebsrisikos für alle Arten und Personen nicht haltbar ist, aber gezielte Risiken für bestimmte Krebsarten existieren und beachtet werden sollten. Es ist wichtig zu verstehen, dass „positiver Zusammenhang“ ein statistisches Ergebnis ist und nicht unbedingt eine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung beweist, aber es weist auf eine Korrelation hin, die weitere Forschung rechtfertigt.

Die Rolle der Natürlichen Haarfarbe: Eine Überraschende Erkenntnis

Ein besonders interessantes Detail der Studie war die Beobachtung einer „Heterogenität durch die natürliche Haarfarbe“. Dies bedeutet, dass die natürliche Haarfarbe einer Person einen Einfluss darauf haben könnte, ob und welche Krebsart möglicherweise mit dem Haarefärben in Verbindung gebracht wird. Konkret wurde ein erhöhtes Risiko für Hodgkin-Lymphome ausschließlich bei Frauen mit natürlich dunklem Haar festgestellt, die ihre Haare färbten. Im Gegensatz dazu wurde ein höheres Risiko für Basalzellkarzinome speziell bei Frauen mit natürlich hellem Haar beobachtet. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass genetische oder biologische Faktoren, die mit der natürlichen Haarfarbe zusammenhängen, die Anfälligkeit für bestimmte Chemikalien in Haarfärbemitteln beeinflussen könnten. Es ist eine faszinierende Erkenntnis, die die Komplexität des Themas unterstreicht und zeigt, dass das Risiko nicht für alle Menschen gleich ist. Obwohl die Studie nicht erklärt, warum diese Zusammenhänge bestehen, öffnet sie neue Wege für die zukünftige Forschung und die Entwicklung sichererer Produkte.

Was Bedeuten Diese Ergebnisse für Sie?

Die Erkenntnisse der MedUni Wien-Studie bieten einerseits eine große Beruhigung für die Millionen von Menschen, die regelmäßig ihre Haare färben. Die weit verbreitete Angst vor einem allgemeinen, erhöhten Krebsrisiko durch das Färben der Haare scheint für die meisten Krebsarten unbegründet zu sein. Dies ist eine gute Nachricht, die es ermöglicht, das Haarefärben weiterhin ohne übermäßige Sorge zu genießen. Andererseits mahnen die spezifischen Ausnahmen zur Vorsicht. Das erhöhte Risiko für Basalzellkarzinome, hormonrezeptor-negativen Brustkrebs und Eierstockkrebs sowie die geschlechts- und haarspezifischen Zusammenhänge für Hodgkin-Lymphome und Basalzellkarzinome sollten nicht ignoriert werden. Für Personen, die zu den identifizierten Risikogruppen gehören (z.B. Frauen mit natürlich dunklem Haar und Sorge vor Hodgkin-Lymphom, oder solche mit hellem Haar und Sorge vor Basalzellkarzinom), könnte es ratsam sein, das persönliche Risiko mit einem Arzt zu besprechen. Die Studie konzentrierte sich auf permanente Haarfärbemittel, die die größte Sorge bereiten. Temporäre oder semi-permanente Farbstoffe, die weniger tief in die Haarstruktur eindringen und oft andere chemische Zusammensetzungen haben, wurden in dieser Studie nicht spezifisch untersucht. Dies könnte ein weiterer Aspekt sein, der bei der persönlichen Entscheidung eine Rolle spielt.

Einschränkungen und Zukünftige Forschung

Obwohl die Studie die bisher umfassendsten Daten liefert, weist Eva Schernhammer darauf hin, dass die aktuellen Befunde auf US-amerikanische weiße Frauen beschränkt sind und sich möglicherweise nicht auf andere Populationen erstrecken. Das bedeutet, dass Menschen anderer ethnischer Herkunft oder aus anderen geografischen Regionen möglicherweise unterschiedliche Risikoprofile aufweisen könnten, da genetische Veranlagungen, Lebensstile und Umweltexpositionen variieren können. Diese Einschränkung unterstreicht die Notwendigkeit weiterer Forschung und Validierung. Schernhammer betont, dass zukünftige Studien verschiedene Populationen und Nationen, unterschiedliche Anfälligkeitsgenotypen (wie NAT1 oder NAT2, die die Fähigkeit des Körpers zum Abbau von Chemikalien beeinflussen), Krebsarten verschiedener Genotypen und molekulargenetischer Phänotypen sowie verschiedene Expositionseinstellungen (persönlicher Gebrauch vs. berufliche Exposition) berücksichtigen sollten. Auch die Zeitpunkte der Exposition und die spezifischen Farben der verwendeten permanenten Haarfärbemittel (dunkel gefärbt vs. hell gefärbt) müssen genauer untersucht werden, um verfeinerte Expositionsabschätzungen zu erhalten. Nur durch diese umfassende und detaillierte Forschung kann die Wissenschaft ein vollständiges Bild der potenziellen Risiken und der langfristigen Sicherheit von Haarfärbemitteln zeichnen und maßgeschneiderte Empfehlungen für die globale Bevölkerung abgeben.

Häufig Gestellte Fragen (FAQ)

Ist Haarefärben krebserregend?

Die aktuelle und größte Studie zu diesem Thema, veröffentlicht im British Medical Journal, fand für den persönlichen Gebrauch von permanenten Haarfärbemitteln keine nennenswerten Zusammenhänge mit den meisten Krebsarten oder der krebsbedingten Sterblichkeit. Es gibt jedoch spezifische Ausnahmen, bei denen ein leicht erhöhtes Risiko festgestellt wurde, wie Basalzellkarzinome, hormonrezeptor-negativer Brustkrebs und Eierstockkrebs. Für die breite Masse ist die Botschaft jedoch beruhigend.

Welche Krebsarten könnten betroffen sein?

Laut der neuesten Studie zeigten sich positive Zusammenhänge für Basalzellkarzinome (Hautkrebs), hormonrezeptor-negativen Brustkrebs (eine spezifische, oft aggressivere Form) und Eierstockkrebs. Für Hodgkin-Lymphome wurde ein erhöhtes Risiko nur bei Frauen mit natürlich dunklem Haar beobachtet.

Spielt meine natürliche Haarfarbe eine Rolle?

Ja, die Studie fand Hinweise auf eine „Heterogenität durch die natürliche Haarfarbe“. Frauen mit natürlich dunklem Haar zeigten ein erhöhtes Risiko für Hodgkin-Lymphome, während Frauen mit natürlich hellem Haar ein höheres Risiko für Basalzellkarzinome aufwiesen. Dies deutet darauf hin, dass Ihre natürliche Haarfarbe Ihre individuelle Anfälligkeit beeinflussen könnte.

Gilt das auch für FriseurInnen?

Die Studie konzentrierte sich auf den persönlichen Gebrauch von Haarfärbemitteln. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO hat die berufliche Exposition gegenüber Haarfärbemitteln (z.B. bei FriseurInnen) als „wahrscheinliches Karzinogen für den Menschen“ eingestuft. Dies liegt an der viel höheren und regelmäßigeren Exposition gegenüber den Chemikalien im Berufsalltag. Persönlicher Gebrauch und berufliche Exposition sind daher als separate Risikofaktoren zu betrachten.

Sind alle Haarfärbemittel gleich gefährlich?

Die Studie konzentrierte sich auf permanente Haarfärbemittel, die die häufigsten und chemisch aggressivsten Produkte sind. Temporäre oder semi-permanente Färbemittel, die anders wirken und oft andere Inhaltsstoffe haben, wurden in dieser Studie nicht spezifisch untersucht. Es wird angenommen, dass permanente Färbemittel aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung und ihrer Wirkweise das höchste potenzielle Risiko bergen, aber weitere Forschung ist notwendig, um die Risiken aller Färbemitteltypen umfassend zu bewerten.

Was sollte ich tun, wenn ich besorgt bin?

Wenn Sie Bedenken haben oder zu einer der identifizierten Risikogruppen gehören, ist es immer ratsam, mit Ihrem Arzt zu sprechen. Dieser kann Ihre individuelle Situation bewerten und Sie beraten. Für die meisten Menschen, die ihre Haare färben, bieten die neuen Studienergebnisse jedoch eine große Erleichterung, da ein allgemeines, stark erhöhtes Krebsrisiko für die meisten Krebsarten unwahrscheinlich erscheint.

Die neue Studie der MedUni Wien ist ein wichtiger Schritt zur Klärung der langjährigen Frage nach dem Zusammenhang zwischen Haarefärben und Krebs. Sie bietet eine dringend benötigte Entwarnung für die Mehrheit der Anwenderinnen, indem sie zeigt, dass der persönliche Gebrauch von permanenten Haarfärbemitteln für die meisten Krebsarten kein signifikantes Risiko darstellt. Gleichzeitig weist sie auf spezifische Ausnahmen und die Bedeutung der natürlichen Haarfarbe hin, was die Komplexität des Themas unterstreicht. Während die Forschung weitergeht und weitere Studien in verschiedenen Populationen erforderlich sind, können Konsumenten nun auf fundiertere Informationen zugreifen, um informierte Entscheidungen über ihre Schönheitsroutinen zu treffen. Es bleibt wichtig, auf die eigene Gesundheit zu achten und bei Bedenken stets professionellen Rat einzuholen.

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