25/12/2019
Der Anblick eines Hundes mit langem, flauschigem Fell lässt die Herzen vieler Menschen höherschlagen. Sie wirken niedlich, kuschelig und laden zum Streicheln ein. Doch was für uns Menschen oft ästhetisch ansprechend ist, kann für den Hund selbst eine erhebliche Belastung im Alltag darstellen. Von aufwendiger Pflege bis hin zu ernsthaften Beeinträchtigungen – langes Fell ist nicht immer ein Segen. Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen und Lösungen rund um das Haarkleid unserer Vierbeiner, insbesondere bei langhaarigen Rassen, und zeigt auf, warum das Wohl des Tieres stets Vorrang haben sollte.

- Die Evolution des Hundefells: Vom Nutzen zur Ästhetik
- Verschiedene Felltypen und ihre Eigenschaften
- Herausforderungen bei langhaarigen Hunden
- Schneiden oder nicht schneiden? Die langhaarige Debatte
- Der Hundefriseur: Ein Partner für das Wohlbefinden
- Pflege nach dem Schnitt und individuelle Stylings
- Fell und Kommunikation: Ein oft übersehener Aspekt
- Drahthaarige und rauhaarige Hunde: Eine besondere Pflege
- Trimmen oder Scheren? Die optimale Entscheidung
- Das Wohl des Hundes steht an erster Stelle
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Die Evolution des Hundefells: Vom Nutzen zur Ästhetik
Ursprünglich wurden Hunderassen für spezifische Aufgaben gezüchtet. Ob Jagd, Hüten oder Schutz – das Aussehen, insbesondere das Haarkleid, war eng mit der Funktion des Hundes verbunden. Ein drahthaariger Terrier brauchte sein borstiges Fell als Schutz bei der Jagd, ein Schäferhund sein dichtes Stockhaar für den Schutz vor Witterungseinflüssen. Der Rassestandard definierte das ideale Aussehen, um die funktionellen Eigenschaften zu bewahren. Doch im Laufe der Zeit wandelte sich die Rolle des Hundes. Heute sind Hunde in erster Linie Familienmitglieder und Begleiter. Das Zuchtziel verlagerte sich zunehmend auf Ästhetik und den „Kuschelfaktor“, was oft zu immer dickerem, dichterem und längerem Fell führte. Viele Rassen ähneln heute kaum noch ihren Vorfahren von vor 50 Jahren. Dies wirft die Frage auf, ob das, was dem Menschen gefällt, auch immer dem Hund dient.
Verschiedene Felltypen und ihre Eigenschaften
Das Haarkleid unserer Hunde ist vielfältig und erfüllt unterschiedliche Funktionen. Man unterscheidet grundsätzlich nach Länge und Beschaffenheit. Die Hauptkategorien sind Kurzhaar und Langhaar, ergänzt durch Drahthaar/Rauhaar und Glatthaar. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Vorhandensein von Unterwolle.
Stockhaar: Der natürliche Schutzmantel
Ein typisches Beispiel für Hunde mit Stockhaar sind der Golden Retriever, der Labrador Retriever oder der Deutsche Schäferhund. Ihr Fell besteht aus hartem Deckhaar (Grannenhaar oder Leithaar) und dichter, feiner Unterwolle (Wollhaar). Diese Struktur ist entscheidend für eine hervorragende Thermoregulation: Die im Fell eingeschlossene Luft isoliert im Winter gegen Kälte und im Sommer gegen Hitze. Zudem ist das Deckhaar oft fetthaltig, was das Fell wasserabweisend macht und den Hund bei nasskaltem Wetter schützt. Stockhaarige Hunde haben einen saisonalen Fellwechsel und haaren dementsprechend.
Kurzhaar: Pflegeleicht, aber mit Kehrseite
Hunde wie der English Pointer oder der Magyar Vizsla haben extrem kurzes Haar, oft nur wenige Millimeter lang, und kaum bis keine Unterwolle. Diese Hunde sind denkbar pflegeleicht in Bezug auf Bürsten. Allerdings haaren sie regelmäßig und verlieren ihr kurzes Haar, das sich gerne in Stoffen von Möbeln und Teppichen verfängt, was den Reinigungsaufwand in der Wohnung erhöhen kann.
Langhaar: Vielfalt und Pflegeintensive Schönheit
Bei langhaarigen Hunden reicht die Felllänge von mittellang (z.B. Briard, Pudel) bis bodenlang (z.B. Malteser). Einige dieser Rassen, wie der Yorkshire Terrier, haben keinen saisonal bedingten Fellwechsel, d.h., sie haaren nicht stark. Das Fell wächst kontinuierlich und bedarf einer äußerst aufwendigen und regelmäßigen Pflege, um Verfilzung zu vermeiden. Tägliches Bürsten und das Entfernen von Blättern und Ästen sind unerlässlich. Nicht jeder Mensch und auch nicht jeder Hund empfindet diese oft stundenlange Prozedur als angenehm.
Drahthaar/Rauhaar: Borstig und schützend
Drahthaarige (bis 2,5 cm) und rauhaarige (ab 2,5 cm) Hunde, wie viele Terrier, besitzen borstiges, enganliegendes Deckhaar. Das Besondere hierbei ist, dass ein neues Haar aus demselben Haarfollikel wächst, in dem das alte Haar noch steckt. Das abgestorbene Althaar bleibt oft stecken, wird blasser und kann starken Juckreiz verursachen, da es lose in der Haut sitzt, aber nicht von alleine ausfällt. Dieses Fell muss von Hand „getrimmt“, also gezupft werden, um die abgestorbenen Haare zu entfernen.
Herausforderungen bei langhaarigen Hunden
Die Entscheidung für einen langhaarigen Hund sollte wohlüberlegt sein, denn das lange Fell bringt einige Nachteile mit sich, die den Alltag des Hundes erheblich beeinträchtigen können:
- Verfilzung: Ohne tägliche Pflege verfilzt das Fell schnell, was zu Hautirritationen, Schmerzen und im schlimmsten Fall zu Hautkrankheiten führen kann.
- Fremdkörper: Im Frühling und Herbst verfangen sich Ästchen, Blätter und Schmutz im langen Fell und verknoten sich. Im Winter bilden sich Schneeklumpen, die das Laufen oder Sitzen unmöglich machen können.
- Hitze: Im Sommer kann das dicke, lange Fell zu einem Hitzestau führen, was für den Hund sehr unangenehm und sogar gefährlich sein kann.
- Hygiene: Besonders im Bereich des Afters und der Pfoten kann langes Fell leicht verschmutzen und die Hygiene erschweren.
Schneiden oder nicht schneiden? Die langhaarige Debatte
Viele Halter langhaariger Hunde stehen vor der Frage: Soll ich das Fell kürzen lassen, auch wenn der Rassestandard es anders vorschreibt? Im Gegensatz zu rauhaarigen Hunden oder Hunden mit Unterwolle führt das Kürzen des Fells bei langhaarigen Rassen wie dem Malteser oder Yorkshire Terrier nicht zu einem Nachteil. Das Fell wächst weiterhin gleichmäßig nach, und die Struktur verändert sich nicht. Wenn man die genannten Alltagsprobleme berücksichtigt, gibt es viele gute Gründe, langes Fell zu kürzen. Das Prinzip „form follows function“ – die Funktion bestimmt die Form – ist hier oft nicht gegeben, da das sehr lange Fell für den Hund meist keinen sinnvollen Nutzen hat, außer dem, dass es dem Menschen gefällt.
Natürlich gibt es Ausnahmen: Wenn Mensch und Hund das Pflegeritual genießen, ist das optimal. Auch wer züchten möchte, muss sich an die Standardvorgaben halten, was die aufwendige Pflege unabdingbar macht. Doch für den durchschnittlichen Familienhund, bei dem Rassecharakter und Wesen passen, aber die Fellpflege eine Last darstellt, ist das Kürzen eine praktikable Lösung. Die genaue Länge des Schnitts sollte individuell entschieden werden, oft an die Jahreszeiten angepasst – im Sommer kürzer für bessere Hitzeerträglichkeit, im Winter etwas länger für ausreichenden Kälteschutz.
Der Hundefriseur: Ein Partner für das Wohlbefinden
Die Entscheidung, das Fell eines langhaarigen Hundes regelmäßig kürzen zu lassen, ist eine Frage des Tierwohls. Wichtig ist, den Hund bereits als Welpen an den Besuch beim Hundefriseur zu gewöhnen. So kann er in kleinen Schritten und stressfrei an das Bürsten, Schneiden oder Scheren gewöhnt werden. Aus unserer Erfahrung bevorzugen die meisten Halter von langhaarigen Hunden eine praktische „Kurzhaarfrisur“ gegenüber dem vom Rassestandard vorgegebenen langen Fell. Ein Hund mag sich direkt nach dem Scheren im ersten Moment „ungewohnt“ fühlen, da das üppige Fell plötzlich fehlt. Doch Hunde gewöhnen sich schnell daran und empfinden das kürzere Fell oft als Erleichterung, wie unser Hund Tiago zeigt, der sich nach dem Scheren kurz zusammenrollt, dann aber wieder entspannt ausgestreckt schläft.
Pflege nach dem Schnitt und individuelle Stylings
Auch ein kurz geschorenes oder geschnittenes Fell wächst nach und bedarf regelmäßiger Pflege, um nicht zu verfilzen. Der Vorteil des kürzeren Fells ist jedoch, dass die Pflege wesentlich weniger zeitaufwendig ist. Sollte selbst dafür keine Zeit sein oder der Hund große Probleme mit dem Bürsten haben, kann der regelmäßige Besuch im Salon helfen, da verfilzte Stellen direkt herausgeschnitten werden können.
Bei einigen langhaarigen Rassen, insbesondere beim Pudel, gibt es sehr eigenwillige Schuren, von der modernen Schur bis zur Löwenschur. Welche Schur man bevorzugt, ist Geschmackssache. Solange genügend Fell belassen wird, um Sonnenbrand zu vermeiden, spielt die Länge für den Hund selbst keine Rolle. Auch wenn manche Menschen solche Schuren als unschön empfinden, hat der Hund kein solches ästhetisches Empfinden. Wichtig ist jedoch, dass die Schur nicht dazu führt, dass andere Hunde den Hund „anders“ wahrnehmen und aggressiv reagieren, auch wenn dies selten der Fall ist.

Fell und Kommunikation: Ein oft übersehener Aspekt
Ein entscheidender Aspekt, der oft vernachlässigt wird, ist die Auswirkung von langem Fell auf die Kommunikation des Hundes, sowohl mit Menschen als auch mit Artgenossen. Bei vielen langhaarigen Hunderassen, wie dem Briard, soll laut Rassestandard das Fell am Kopf, insbesondere im Bereich der Augen und des Fangs, lang belassen werden. Langes Fell über den Augen behindert jedoch nicht nur das Sehen des Hundes selbst, sondern verhindert auch, dass sein Gegenüber seine Mimik einschätzen kann. Augen können so viel ausdrücken: Starres Fixieren, beschwichtigendes Wegschauen, weit aufgerissene Augen vor Angst oder ein freundlicher, entspannter Blick. Um Kommunikationsmissverständnisse zu vermeiden, sollten diese langen Haare über den Augen regelmäßig gekürzt werden, auch wenn dies laut Rassestandard nicht erlaubt ist. Ein Haargummi kann eine Notlösung sein, sollte aber nur für Ausstellungen genutzt werden, da es die feine Mimik ebenfalls einschränkt und nicht von jedem Hund toleriert wird.
Auch langes Fell um den Fang herum behindert die Kommunikation: Ein Knurren, das mit Zähnezeigen unterlegt ist, kann vom Gegenüber nicht gesehen werden. Der andere Hund merkt erst anhand der weiteren Reaktion, dass eine Drohung ausgesprochen wurde. Dies kann schnell zu Missverständnissen führen, bei denen der Hund „aus dem Nichts heraus“ gebissen zu haben scheint, obwohl sein Drohverhalten einfach nicht sichtbar war. Es ist längst an der Zeit, solche Rassestandards zu überprüfen. Ein Kriterium, das den Hund in seinem Verhalten so stark einschränkt und keinen wirklichen Nutzen hat, sollte nicht Teil eines Rassestandards sein.
Drahthaarige und rauhaarige Hunde: Eine besondere Pflege
Die Pflege von drahthaarigen oder rauhaarigen Hunden unterscheidet sich grundlegend von der Pflege anderer Felltypen. Das borstige Deckhaar, das aus demselben Follikel wächst wie das alte Haar, muss regelmäßig entfernt werden. Dieser Vorgang wird als Trimmen bezeichnet und bedeutet, das abgestorbene Haar von Hand herauszuzupfen. Im Normalfall ist dies für den Hund schmerzfrei, da das Haar lose in der Haut sitzt. Dennoch sollte der Hund von Welpenalter an an diese Prozedur gewöhnt werden, da sie bei großen Hunden über vier Stunden dauern kann. Es gibt jedoch auch Stellen, an denen das Haar fester sitzt, was zu einem Ziepen führen kann, das viele Hunde als unangenehm empfinden.
Manche Halter ziehen das Scheren drahthaariger Hunde dem Trimmen vor. Dies ist jedoch oft mit einer Veränderung der Haarstruktur verbunden: Das Haar wird weicher, verliert seine borstige Textur und damit seinen ursprünglichen Schutz vor Wasser, Schmutz und Verletzungen, der für Jagdhunde essenziell ist. Zudem kann das Fell farblich heller werden, da die meisten Farbpigmente in den Haarspitzen liegen und die alten, helleren Haare durch das Scheren nicht entfernt werden. Der größte Nachteil des Scherens ist jedoch, dass das alte, abgestorbene Haar in der Haut verbleibt, wodurch das neue Haar nicht durchbrechen kann. Dies kann zu anhaltendem Juckreiz und in manchen Fällen sogar dazu führen, dass das Fell nach mehrfacher Schur nicht mehr getrimmt werden kann.
Trimmen oder Scheren? Die optimale Entscheidung
Die Entscheidung zwischen Trimmen und Scheren bei drahthaarigen Hunden muss individuell je nach Rasse und Hund getroffen werden. Wenn ein Hund große Probleme mit der Prozedur des Trimmens hat und diese für ihn zu stressig ist, sollte man sich für das Scheren entscheiden. Scheren dauert oft nur halb so lange wie Trimmen, ist für den Hund weniger unangenehm (kein Ziepen) und somit in der Regel weitaus stressfreier. Es ist jedoch absolut abzulehnen, Fell zu trimmen, das noch nicht reif ist. Die Haare sitzen dann noch fest in der Haut, was zu nackter Haut, blutigen Stellen und Trimmekzemen führen kann – eine extrem schmerzhafte Prozedur, die ein seriöser Salon niemals durchführen würde.
Das Wohl des Hundes steht an erster Stelle
Unabhängig vom Felltyp und Rassestandard sollte die Fellpflege immer individuell auf den jeweiligen Hund abgestimmt sein. Wenn eine Schur oder eine bestimmte Frisur dem Hund den Alltag erleichtern oder ihm zu normalem, arttypischem Verhalten verhelfen kann, sollte dieser Aspekt stets Vorrang vor der strikten Einhaltung eines Rassestandards haben. Ein glücklicher Hund ist ein Hund, dessen Bedürfnisse erfüllt werden – und dazu gehört auch eine Fellpflege, die sein Wohlbefinden fördert und nicht beeinträchtigt. Der Hundefriseur ist hierbei ein wichtiger Partner, der mit Fachwissen und Einfühlungsvermögen dazu beitragen kann, das optimale Haarkleid für jeden Vierbeiner zu finden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sollte ich das Fell meines langhaarigen Hundes kürzen lassen?
Wenn Ihr langhaariger Hund unter Verfilzung, Hitzeproblemen im Sommer, Schneeklumpen im Winter oder ständigem Verfangen von Schmutz leidet und die aufwendige tägliche Pflege für Sie oder den Hund eine Belastung darstellt, ist das Kürzen des Fells eine sinnvolle Option. Bei langhaarigen Rassen wie dem Malteser oder Yorkshire Terrier verändert das Kürzen des Fells dessen Struktur nicht, und es wächst gleichmäßig nach.
Verändert das Scheren die Fellstruktur bei allen Hunden?
Nein, nicht bei allen Hunden. Bei langhaarigen Hunden wie dem Malteser oder Yorkshire Terrier verändert das Scheren die Struktur des nachwachsenden Fells in der Regel nicht. Bei drahthaarigen oder rauhaarigen Hunden hingegen kann das Scheren dazu führen, dass das Fell weicher wird, seine ursprüngliche borstige Textur verliert und seine schützenden Eigenschaften beeinträchtigt werden.
Warum ist langes Fell im Gesicht problematisch?
Langes Fell über den Augen oder um den Fang herum kann die Sicht des Hundes behindern und seine Fähigkeit zur Kommunikation einschränken. Die Augen und die Mimik sind wichtige Kommunikationsmittel für Hunde. Wenn diese durch Fell verdeckt sind, kann es zu Missverständnissen mit anderen Hunden oder Menschen kommen, da Drohsignale oder Beschwichtigungsgesten nicht sichtbar sind.
Was ist der Unterschied zwischen Trimmen und Scheren bei Drahthaarhunden?
Beim Trimmen wird das abgestorbene, lose sitzende Deckhaar von Hand aus dem Follikel gezupft. Dies ist schmerzfrei für den Hund, wenn das Haar reif ist, und erhält die ursprüngliche Fellstruktur. Beim Scheren hingegen wird das Fell mit einer Schermaschine gekürzt. Dies ist zwar schneller und oft stressfreier für den Hund, kann aber bei drahthaarigen Rassen die Fellstruktur verändern und dazu führen, dass abgestorbene Haare in der Haut verbleiben und Juckreiz verursachen.
Wie gewöhne ich meinen Welpen an den Hundefriseur?
Beginnen Sie frühzeitig mit der Gewöhnung. Nehmen Sie Ihren Welpen regelmäßig mit zum Hundefriseur, auch wenn es nur für kurze Besuche zum Kennenlernen oder für eine kleine Bürsteneinheit ist. Positive Verstärkung mit Leckerlis und Lob hilft dem Welpen, eine angenehme Verbindung zum Salon und zur Pflege aufzubauen. Kurze, positive Erfahrungen sind der Schlüssel zum Erfolg.
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