07/12/2024
Die Frage, wie viel eine Coiffeuse oder ein Coiffeur verdient, ist komplexer, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Sie berührt nicht nur die finanzielle Realität eines oft unterschätzten Berufs, sondern auch dessen Wertschätzung in unserer Gesellschaft. Charles Aellen, ein renommierter Zürcher Starcoiffeur mit über vierzig Jahren Erfahrung, gibt uns tiefe Einblicke in die Welt der Haarkunst und die oft unsichtbaren Herausforderungen, denen sich dieses Handwerk stellen muss. Seine Perspektive beleuchtet, warum der Preis eines Haarschnitts weit über die reine Dienstleistung hinausgeht und welche Leidenschaft und welches Fachwissen in jedem einzelnen Schnitt stecken.

Charles Aellens Salon ist bekannt dafür, dass ein Haarschnitt bis zu 200 Franken kosten kann. Auf den ersten Blick mag das viel erscheinen, doch Aellen verteidigt diesen Preis vehement als notwendig für das Überleben des Berufsstandes. Er vergleicht Coiffeure mit Elektrikern, Malern oder Schreinern – allesamt Handwerker, die für ihre Expertise und Arbeitszeit angemessen entlohnt werden. Während andere Gewerke Stundensätze von 150 bis 180 Franken zuzüglich Material und Anfahrtszeit berechnen können, ist dies im Coiffeurberuf selten der Fall. Die hohen Kosten für Miete, insbesondere in besten Lagen wie der Zürcher Innenstadt, sowie Löhne für qualifizierte Mitarbeiter müssen gedeckt werden. Aellen betont, dass eine erfahrene Coiffeuse, die vielleicht eine Familie zu versorgen hat, zwischen 5.000 und 10.000 Franken monatlich verdienen müsste, um existieren zu können. Viele kleinere Salons trauen sich nicht, diese angemessenen Preise zu verlangen und können sich daher kaum Mitarbeiter leisten oder müssen diese schlecht bezahlen, was den Teufelskreis der mangelnden Attraktivität des Berufs weiter verstärkt.
- Die Herausforderungen des Coiffeurberufs
- Was einen exzellenten Coiffeur auszeichnet
- Haarpflege und Mythen: Expertenrat
- Der Weg zum Erfolg: Charles Aellens Philosophie
- Die moderne Coiffeurwelt: Digitalisierung und Kundenerwartungen
- Mehr als nur Haare: Die psychologische Seite des Berufs
- Vergleichstabelle: Coiffeur-Modelle im Überblick
- Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Die Herausforderungen des Coiffeurberufs
Die unattraktiven Bedingungen – lange Arbeitszeiten, oft schlechte Bezahlung und die Notwendigkeit der Samstagsarbeit – führen dazu, dass der Beruf des Coiffeurs vom Aussterben bedroht ist. Es mangelt an talentiertem Nachwuchs, der bereit wäre, diese Opfer zu bringen. Aellen beschreibt die soziale Wahrnehmung des Berufs als gering; man wird in intellektuellen Kreisen schnell übergangen, wenn man sich als Coiffeur vorstellt. Dies spiegelt eine mangelnde Wertschätzung wider, die über das Finanzielle hinausgeht. Der Beruf wird oft nicht als das hochqualifizierte Handwerk anerkannt, das er tatsächlich ist, sondern als einfache Dienstleistung abgetan.
Diese fehlende Anerkennung hat auch neue Geschäftsmodelle wie die Barbershops hervorgebracht, die für einen Haarschnitt nur 35 Franken verlangen und Kunden in kürzester Zeit abfertigen müssen. Aellen hat nichts gegen diese Art von Geschäften, da man dort mit Glück jemanden finden kann, der sein Geld wert ist. Doch er warnt, dass solche Talente nicht lange bleiben werden, wenn sie unter Wert arbeiten müssen. Oft bieten diese Läden nur drei oder vier standardisierte Haarschnitte an, was dazu führt, dass viele Kunden danach gleich aussehen. Dies ist nicht die Art von Arbeit, die Charles Aellen interessiert. Ihm geht es um die individuelle Persönlichkeit und die Zeit, die er investiert, um einen massgeschneiderten Look zu kreieren.
Was einen exzellenten Coiffeur auszeichnet
Für Charles Aellen ist ein guter Coiffeur viel mehr als nur jemand, der Haare schneidet. Es geht um Vertrauen und das Gefühl, verstanden zu werden. Ein Kunde muss sich beim Verlassen des Salons gefallen und nicht das Bedürfnis verspüren, die Frisur sofort neu stylen oder gar auswaschen zu müssen. Das Geheimnis liegt in der Zeit, die investiert wird, und einem breiten Repertoire an Techniken. Ein Meister seines Fachs erkennt, was zu einer Kundin passt und mit ihrem Haar machbar ist. Empathie und die Bereitschaft, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, sind dabei unerlässlich. Aellen vergleicht es mit einem Arzt, der kein Blut sehen kann – wer keine Lust auf den Umgang mit Menschen hat, ist in diesem Beruf falsch. Es erfordert eine tiefe psychologische Komponente und die Fähigkeit, die Wünsche und Bedürfnisse des Kunden zu erfassen, auch wenn sie nicht explizit geäussert werden.
Haarpflege und Mythen: Expertenrat
Ein zentrales Anliegen Aellens ist die Aufklärung über richtige Haarpflege. Viele Menschen wissen nicht, wie sie ihre Haare richtig waschen oder welche Produkte sie wirklich benötigen. Aellen kritisiert, dass viele Coiffeure aus finanzieller Notwendigkeit übermässig Produkte verkaufen, die der Kunde gar nicht braucht. Er betont: «All diese Stylingprodukte nützen dir nichts, wenn du nicht weisst, wie du deine Haare richtig waschen und pflegen musst.» Er gibt konkrete Tipps:
- Shampoo: In den meisten Shampoos ist zu viel Pflege enthalten, die das Haar schwer und ohne Griff macht. Viele Menschen nehmen zu viel Produkt, scheuern zu stark und spülen nicht gründlich genug aus. Dies kann zu Schuppen oder platt am Kopf klebenden Haaren führen. Für unbehandeltes, mittellanges Haar reicht ein reinigendes Basis-Shampoo. Man sollte die Haare sehr nass machen, ganz wenig Shampoo nehmen, es gut aufschäumen (der Schaum und die Bläschen sind wichtig) und immer wieder etwas Wasser hinzufügen. Anschliessend gründlich ausspülen.
- Chemisch behandeltes Haar: Bei gefärbtem oder chemisch behandeltem Haar empfiehlt Aellen Shampoos mit einem sauren pH-Wert, da dies die Farbe länger haltbar macht.
- Conditioner: Dient primär dem Verschluss der Schuppenschicht und sorgt dafür, dass das Haar nicht verletzt wird. Es ist jedoch keine tiefenwirksame Pflege wie eine Maske und sollte maximal eine Minute einwirken.
- Tägliches Waschen: Unbedenklich. Aellen fragt rhetorisch: «Warum sollte es? Wir waschen ja auch täglich unsere Hände.»
- Bürsten: Die alte Regel von hundert Bürstenstrichen täglich ist nach wie vor wertvoll. Meine Urgrossmutter hat das schon gemacht. Früher hatte man kaum Haarpflegeprodukte. Die Frauen wussten aber, dass sie Talg auf dem Kopf haben und diesen mit dieser Technik auf die Längen des Haares verteilen. Dies sollte jedoch nur mit einer sehr guten Haarbürste geschehen (z.B. die von Alexandre de Paris mit zwei verschiedenen Borsten), um das Haar nicht zu schädigen.
Auch bei Problemen wie dünner werdendem Haar rät Aellen zunächst zu einer Klärung möglicher gesundheitlicher oder hormoneller Ursachen und verweist gegebenenfalls an einen Arzt. Kunden, die unrealistische Vorstellungen von ihren Haaren haben, müssen manchmal dabei unterstützt werden, die Realität zu akzeptieren. Aellen erklärt dann, was mit der Haarqualität machbar ist und bietet gegebenenfalls Extensions oder Perücken als Lösung an. Am Ende gehe es aber darum, Frieden mit dem eigenen Spiegelbild zu schliessen. Er legt Wert darauf, dass seine Kunden den Färbeprozess verstehen: das künstliche Öffnen und Schliessen der Haare und die Notwendigkeit der richtigen Pflege, um ein Ausbleichen zu verhindern. Dies sei wie bei einer hochwertigen Bluse – ohne die richtige Waschanleitung werde das Ergebnis nicht zufriedenstellend sein.
Der Weg zum Erfolg: Charles Aellens Philosophie
Charles Aellen eröffnete sein eigenes Geschäft 1995 mit dem Ziel, ein Umfeld zu schaffen, in dem das Handwerk geschätzt wird. Er wollte den Rahmen sprengen, der den Beruf klein hielt. Sein Erfolg basiert auf einer Mischung aus Talent, harter Arbeit und cleverem Marketing. Anfangs, mit einem zu grossen Salon und wenigen Kunden, musste er kreativ werden. Er nutzte Vernissagen und Netzwerke, um Präsenz in Magazinen zu zeigen. Die Anekdote von den «Statisten» im Salon – Models, die für Gratis-Haarpflege eingeladen wurden, um den Eindruck eines «place to be» zu erwecken – zeigt seinen Erfindungsreichtum. Die Zusammenarbeit mit der Schweizer Moderatorin Patricia Boser, deren Haare er vor jeder Sendung stylte, um im Abspann erwähnt zu werden, war ein weiterer Geniestreich. Sein «Charles-Aellen-Blond», das nicht wie «Pommes frites» aussah, zeugt von seinem Qualitätsanspruch und seiner Innovationskraft. Aellen betont die Notwendigkeit, sich ständig weiterzubilden und «Bilder in sich zu sammeln», um kreativ zu bleiben und keine Kopie zu werden. Er ist überzeugt, dass man umso mehr Schönes schaffen kann, je mehr schöne Dinge man sieht.
Aellen arbeitet mit einem grossen Team von rund 21 Mitarbeitern. Er legt Wert darauf, mit starken Menschen zusammenzuarbeiten und hat bewusst interne Konkurrenz aufgebaut, um nicht in Selbstgefälligkeit zu versinken. Wenn man von den Besten umgeben ist, möchte man mithalten, was ihn motiviert und davon abhält, einzuschlafen.
Die moderne Coiffeurwelt: Digitalisierung und Kundenerwartungen
Die sozialen Medien haben den Coiffeurberuf stark verändert. Kunden kommen oft mit Bildern, die durch Filter verfälscht sind, und haben unrealistische Erwartungen an Haarfarben oder -schnitte. Aellen begegnet dem pragmatisch: Wenn eine Kundin eine Farbe wünscht, die so nicht existiert, fotografiert er sie und legt einen Filter darüber, um ihr zu zeigen, wie es aussehen würde. Darüber hinaus beklagt Aellen eine allgemeine Veränderung im Kundenverhalten: «Der Mensch ist allgemein ein wenig unerzogener und unverbindlicher geworden.» Termine werden nicht eingehalten oder abgesagt, was zu erheblichen Ausfällen für Salons führt. Dies ist der Grund, warum viele Dienstleister inzwischen Kreditkarten hinterlegen lassen, um sich abzusichern.
Mehr als nur Haare: Die psychologische Seite des Berufs
Der Coiffeurberuf ist nicht nur physisch anspruchsvoll – acht bis neun Stunden Arbeit, oft ohne Pause, in ständiger Nähe zu Menschen. Er verlangt auch eine äusserst positive Persönlichkeit. Man ist dem Kunden physisch sehr nahe und muss auch an schlechten Tagen empathisch und aufmerksam sein. Aellen bevorzugt es, beim Haareschneiden nicht zu sprechen, da dies «Energie abzieht», ist aber flexibel, wenn Kunden das Bedürfnis haben, sich mitzuteilen, besonders in Zeiten grosser Veränderungen. Der Spiegel, ein zentrales Arbeitsgerät, kann für Kunden eine Quelle der Verunsicherung sein, ist aber für den Coiffeur unerlässlich, um die Arbeit zu zeigen und zu kommunizieren, ohne dass der Kunde den Kopf drehen muss. Die Reaktionen der Kunden auf ihr Spiegelbild sind dabei sehr unterschiedlich, von Schmollmündern bis zu Haarwühlen.

Aellen äussert sich auch zu gängigen Kurzhaarfrisuren, die von vielen Frauen im mittleren Alter getragen werden, oft aus praktischen Gründen. Er findet, dass diese Frisuren oft zu einem «Unsichtbarwerden» führen, es sei denn, die Trägerin hat eine starke Individualität wie Iris Apfel. Er bevorzugt es, wenn Menschen Persönlichkeit zeigen und nicht zur Schafherde gehören wollen, selbst wenn dies unkonventionelle Frisuren wie die von Donald Trump oder Boris Johnson bedeutet.
Die Welt des Coiffeurs ist eine faszinierende Mischung aus Kunst, Handwerk und Dienstleistung. Charles Aellens Einblicke verdeutlichen, dass hinter einem scheinbar einfachen Haarschnitt eine komplexe Realität aus Leidenschaft, finanziellen Herausforderungen und tiefem menschlichen Verständnis steckt. Es ist ein Beruf, der unsere Anerkennung und eine faire Entlohnung verdient, um auch in Zukunft die Schönheit der Individualität zu zelebrieren.
Vergleichstabelle: Coiffeur-Modelle im Überblick
| Merkmal | Charles Aellen Company (Exklusiv-Salon) | Barbershop (Standard-Modell) |
|---|---|---|
| Preis Haarschnitt | Hoch (z.B. ab 200 CHF) | Niedrig (z.B. 35 CHF) |
| Zeit pro Kunde | Ausführlich, individuell, beratungsintensiv | Schnell, effizient, massenorientiert |
| Fokus | Individuelle Beratung, Kunsthandwerk, Stilentwicklung | Standardisierte Schnitte, Effizienz |
| Mitarbeiterlohn | Ziel: Angemessen (5.000-10.000 CHF angestrebt) | Oft niedrig, Abhängigkeit von Menge |
| Erfahrung | Tiefgreifend, spezialisiert | Variierend, oft auf wenige Schnitte fokussiert |
| Ambiente | Exklusiv, luxuriös, ruhig | Funktional, oft lebhaft |
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Wie viel verdient eine Coiffeuse in der Schweiz?
Laut Charles Aellen müsste eine erfahrene Coiffeuse, besonders wenn sie eine Familie hat, zwischen 5.000 und 10.000 Franken monatlich verdienen, um existieren zu können. Die Realität ist jedoch oft niedriger, was den Beruf unattraktiv macht und zu einem Mangel an Nachwuchs führt.
Lohnt es sich, für einen Haarschnitt viel Geld auszugeben?
Charles Aellen argumentiert, dass ein höherer Preis die Qualität des Handwerks, die investierte Zeit, die Expertise des Coiffeurs und die Betriebskosten (Miete, Löhne, Produkte) widerspiegelt. Ein teurerer Schnitt verspricht oft eine individuellere Beratung, bessere Technik und ein Ergebnis, mit dem man wirklich zufrieden ist. Es ist eine Investition in das eigene Wohlbefinden und Aussehen.
Ist tägliches Haarewaschen schädlich?
Nein, Charles Aellen sieht kein Problem im täglichen Haarewaschen, solange es richtig gemacht wird. Wichtig ist die Wahl des Shampoos (eher reinigend, nicht zu viel Pflege), die richtige Menge und gründliches Ausspülen.
Was ist der Unterschied zwischen einem teuren Salon und einem günstigen Barbershop?
Der Hauptunterschied liegt in der Philosophie und dem investierten Aufwand. Günstigere Barbershops bieten oft schnelle, standardisierte Schnitte zu niedrigen Preisen, um viele Kunden in kurzer Zeit zu bedienen. Exklusivere Salons wie der von Charles Aellen legen Wert auf individuelle Beratung, die Entwicklung eines einzigartigen Looks, hochwertige Produkte und eine längere Zeit pro Kunde, was sich im Preis niederschlägt. Die Mitarbeiter in günstigeren Salons sind oft auf Zusatzverkäufe angewiesen, um ihren niedrigeren Stundenlohn auszugleichen.
Wie kann ich meine Haare zu Hause richtig pflegen?
Experten wie Charles Aellen betonen, dass das Wissen um die richtige Pflege entscheidend ist. Verwenden Sie ein Shampoo, das zu Ihrem Haartyp passt (ggf. ein reinigendes Basis-Shampoo für unbehandeltes Haar oder ein saures pH-Shampoo für gefärbtes Haar). Schäumen Sie das Shampoo mit wenig Produkt und viel Wasser gut auf und spülen Sie es gründlich aus. Conditioner dient primär dem Verschluss der Schuppenschicht und sollte nur kurz einwirken. Regelmässiges Bürsten mit einer hochwertigen Bürste kann helfen, den natürlichen Talg zu verteilen und das Haar zu pflegen.
Warum sehen blonde Haare manchmal wie "Pommes frites" aus?
Charles Aellen prägte den Begriff "Charles-Aellen-Blond", um sich von unschönen, gelbstichigen Blondtönen abzugrenzen, die er als "Pommes frites" bezeichnete. Solche Töne entstehen oft durch unsachgemässe Färbetechniken oder mangelndes Verständnis für die Nuancen, die zu verschiedenen Hauttönen passen. Ein professioneller Coiffeur kann einen natürlichen und schmeichelhaften Blondton erzielen, der nicht billig aussieht.
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