29/03/2018
Das Bild des Friseurs, der lediglich Schere und Kamm beherrscht, gehört längst der Vergangenheit an. Was viele nicht wissen: Das Friseurhandwerk ist eine dynamische Branche voller Entwicklungsmöglichkeiten, Spezialisierungen und sogar akademischer Karrierewege. Es ist weit mehr als nur ein Handwerk; es ist eine Kunstform, ein Serviceberuf und ein Bereich, der ständige Weiterbildung und Innovation erfordert. Robert Fuhs, Vizepräsident und Berufsbildungsexperte des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks, bringt es auf den Punkt: Er ist genervt vom allgemeinen Trend zur Akademisierung, der suggeriert, ohne Studium sei man nur ein „halber Mensch“. Fuhs betont, dass das Handwerk, insbesondere das Friseurhandwerk, ein breites Spektrum an Chancen bietet, die vielen jungen Menschen, Eltern und Lehrkräften unbekannt sind. Nach der Gesellenprüfung stehen kreativen Köpfen zahlreiche Türen offen – sei es als spezialisierter Experte oder als erfolgreicher Unternehmer mit dem Meisterbrief in der Tasche. Diese Vielfalt ist der Schlüssel zu einer erfüllenden und zukunftssicheren Laufbahn.

- Die Vielfalt der Spezialisierungen: Vom Gesellen zum Experten
- Der Meisterbrief: Das Fundament der Selbstständigkeit und mehr
- Akademische Wege im Friseurhandwerk: Vom Meister zum Bachelor/Master
- Moderne Ausbildung: Digitalisierung im Friseurhandwerk
- Vergleich der Karrierewege im Friseurhandwerk
- Häufig gestellte Fragen (FAQs)
- Ist ein Studium für Friseure wirklich notwendig, um erfolgreich zu sein?
- Welche Vorteile bietet der Meisterbrief gegenüber einem akademischen Studium?
- Kann ich als Friseurmeister an einer Universität oder Fachhochschule studieren?
- Wie kann ich meine Weiterbildungen im Friseurhandwerk finanzieren?
- Was genau ist die Berichtsheft-App und welche Vorteile bietet sie?
Die Vielfalt der Spezialisierungen: Vom Gesellen zum Experten
Die Zeiten, in denen der Gesellenbrief das Ende der Fahnenstange markierte, sind vorbei. Das Friseurhandwerk bietet heute eine beeindruckende Palette an Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, die es Gesellinnen und Gesellen ermöglichen, sich in spezifischen Bereichen zu vertiefen und ihre Fähigkeiten zu perfektionieren. Robert Fuhs war maßgeblich an der Entwicklung einiger dieser innovativen Programme beteiligt, oft in enger Zusammenarbeit mit Handwerkskammern und Branchenunternehmen.
Ein herausragendes Beispiel ist die Fortbildung zum Geprüften Coloristen. Diese Qualifikation wurde in den Jahren 2007 und 2008 parallel zur Novelle der Ausbildungsordnung in Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer Düsseldorf geschaffen. Sie ermöglicht es Friseuren, ihr Wissen und ihre Fertigkeiten im Bereich der Haarfarbenkunde auf ein Expertenniveau zu heben. Hier geht es nicht nur um das Anwenden von Farben, sondern um ein tiefes Verständnis von Farbtheorie, chemischen Prozessen, Farbkorrektur und individueller Kundenberatung. Große Unternehmen wie Wella und Goldwell Kao Deutschland haben diese Entwicklung unterstützt, was die Relevanz und den Praxisbezug dieser Spezialisierung unterstreicht. Ein Colorist ist somit ein wahrer Künstler, der die Persönlichkeit seiner Kunden durch gezielte Farbgestaltung zum Ausdruck bringt.
Neben der Farbexpertise gibt es auch Management- und Serviceorientierte Weiterbildungen. Der Salonmanager, eine Fortbildung, die beispielsweise von Essanelle bei der HWK Düsseldorf unterstützt wurde, bereitet Friseure auf leitende Positionen vor. Hier lernen angehende Führungskräfte alles über Betriebsführung, Personalmanagement, Marketing und Kundenbindung. Sie sind das Rückgrat eines erfolgreichen Salons und tragen maßgeblich zu dessen wirtschaftlichem Erfolg bei. Eine weitere wichtige Rolle spielt der Geprüfte Salonservice-Manager, für den Goldwell Kao Deutschland als Industriepartner bei der Handwerkskammer Wiesbaden Pate stand. Diese Spezialisten optimieren den Kundenservice im Salon, sorgen für reibungslose Abläufe und ein exzellentes Kundenerlebnis, was heutzutage entscheidend für die Kundenbindung ist.
Ein besonders spannendes und zukunftsweisendes Feld ist die Fortbildung zum Geprüften OnAir-Stylisten, die im Mai 2022 bei der HWK Düsseldorf Premiere feierte. In Kooperation mit der ARD wurde ein Lehrplan entwickelt, der Friseure auf die speziellen Anforderungen von Film-, Fernseh- und Medienproduktionen vorbereitet. Hier lernen sie, Looks für Kameras zu kreieren, unter Zeitdruck zu arbeiten und sich an die Bedürfnisse von Schauspielern, Moderatoren und Künstlern anzupassen. Dieses facettenreiche Angebot zeigt, wie vielseitig das Friseurhandwerk geworden ist und wie junge Menschen sich in alle Richtungen entfalten können.
Finanzielle Sorgen müssen bei diesen Weiterbildungen oft nicht bestehen, da Fortbildungen ab einer Dauer von 400 Stunden über das sogenannte Aufstiegs-BAföG gefördert werden können. Dies ist ein wichtiger Anreiz, um die berufliche Weiterentwicklung für jeden zugänglich zu machen und die Attraktivität des Handwerks zu steigern.
Der Meisterbrief: Das Fundament der Selbstständigkeit und mehr
Trotz der Vielfalt neuer Fortbildungen genießt der Meisterbrief im Friseurhandwerk nach wie vor einen außerordentlich hohen Stellenwert. Er ist nicht nur ein Qualitätsmerkmal, sondern in den meisten Fällen auch die unabdingbare Voraussetzung für die Selbstständigkeit. „Ohne Meister keine Selbstständigkeit“, bringt Robert Fuhs, Vorsitzender des Berufsbildungsausschusses beim Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks, die Kernbotschaft auf den Punkt. Zwar existieren Ausnahmeregelungen, beispielsweise für Altgesellen mit langjähriger Berufserfahrung oder durch Ausnahmebewilligungen, doch der klassische und anerkannte Königsweg führt über die Teilnahme an den Teilen I bis IV der Meisterprüfung und deren erfolgreichen Abschluss.
Die Meisterprüfung ist umfassend und deckt nicht nur fachpraktisches Können ab, sondern auch theoretisches Wissen in Bereichen wie Salonmanagement, Ausbildungswesen und Betriebswirtschaft. Sie bereitet die angehenden Meister darauf vor, nicht nur exzellente Friseure zu sein, sondern auch erfolgreiche Unternehmer und kompetente Ausbilder. Einige bereits erworbene Abschlüsse im Handwerk, insbesondere solche mit einem Schwerpunkt in Arbeitspädagogik (Teil IV der Meisterprüfung) oder Betriebswirtschaft (Teil III), können auf die Meisterschule angerechnet werden. Dies bedeutet, dass Absolventen dieser Weiterbildungen unter Umständen bestimmte Prüfungsteile nicht mehr belegen müssen, was den Weg zum Meistertitel effizienter gestalten kann.
Der Meisterbrief ist somit nicht nur ein Türöffner für die eigene Unternehmensgründung, sondern auch ein Symbol für höchste handwerkliche Qualität, Führungskompetenz und pädagogische Fähigkeiten. Er steht für Tradition und Innovation gleichermaßen und ist ein Gütesiegel, das Vertrauen bei Kunden und Geschäftspartnern schafft.
Akademische Wege im Friseurhandwerk: Vom Meister zum Bachelor/Master
Was viele Friseurmeister und angehende Akademiker nicht wissen: Der Meisterbrief ist nicht das Ende der Bildungsreise, sondern kann sogar der Beginn eines akademischen Studiums sein. Robert Fuhs betont: „Die wenigsten wissen, dass der Meisterbrief als fachgebundene oder allgemeine Hochschulzugangsberechtigung gilt.“ Das bedeutet, dass Handwerker mit einem Meisterbrief auch ohne Abitur an einer Universität oder Fachhochschule studieren können. Dies ist ein entscheidender Punkt, der die Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildungswege unterstreicht.
Mittlerweile gibt es sogar speziell auf das Friseurhandwerk zugeschnittene Bachelor-Studiengänge. Ein Beispiel hierfür ist der Studiengang „Business Administration – Beauty Management“, an dem die Handwerkskammer Koblenz beteiligt war. Die erste Gruppe von Absolventen dieses Studiengangs schloss ihn bereits im Spätsommer 2021 erfolgreich ab. Dieser Bachelor-Abschluss verbindet betriebswirtschaftliche Kenntnisse mit spezifischem Branchenwissen und bereitet die Absolventen auf leitende Positionen in der Beauty-Branche oder auf die Gründung und Führung größerer Unternehmen vor.
Es ist wichtig hervorzuheben, dass ein Bachelor-Abschluss nicht zwangsläufig „besser“ ist als der Meistertitel. Beide Abschlüsse – Meister und Bachelor – sind auf derselben Niveaustufe des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) angesiedelt. Dies ist ein offizielles Instrument zur Einordnung von Qualifikationen in Deutschland und verdeutlicht die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. Noch beeindruckender ist die Position des Betriebswirts des Handwerks, der sogar dem Master-Abschluss gleichgestellt ist. Diese Erkenntnis muss in die Köpfe der Schülerinnen und Schüler, ihrer Eltern und Lehrer gelangen, um das Ansehen beruflicher Abschlüsse zu stärken und die vielfältigen Karrieremöglichkeiten im Handwerk aufzuzeigen. Es geht darum, Vorurteile abzubauen und zu verdeutlichen, dass berufliche Bildung ein gleichwertiger und oft praxisnäherer Weg zu Erfolg und Anerkennung sein kann.
Moderne Ausbildung: Digitalisierung im Friseurhandwerk
Die Innovationen im Friseurhandwerk beschränken sich nicht nur auf Fort- und Weiterbildungen. Auch die grundständige Ausbildung hat sich in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt und ist digitaler sowie stärker auf das Medienverhalten der künftigen Auszubildenden ausgerichtet. Diese Modernisierung macht die Ausbildung attraktiver und effektiver.
Ein zentrales Element dieser Entwicklung ist die Berichtsheft-App für angehende Friseurinnen und Friseure, die seit drei Jahren verfügbar ist. Dieses digitale Ausbildungstagebuch revolutioniert die Dokumentation des Lernfortschritts. Auszubildende können jederzeit und überall mit ihrem Smartphone oder Tablet festhalten, was sie im Salon, in der Berufsschule oder während der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung gelernt haben. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Daten können nicht verloren gehen, da sie auf einem externen Server gespeichert sind. Selbst bei einem Betriebswechsel lässt sich das Berichtsheft über die App problemlos weiterführen, was für Kontinuität und Flexibilität sorgt. Dies erleichtert nicht nur den Azubis die Arbeit, sondern auch den Ausbildern die Kontrolle und Bewertung des Lernfortschritts.
Um die Ausbilder zusätzlich zu unterstützen und die Auszubildenden zum eigenständigen Lernen zu motivieren, hat der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks kürzlich die in Österreich bereits preisgekrönte „GetHair-App“ erworben. Robert Fuhs ist überzeugt, dass diese App einen großen Erfolg in Deutschland feiern wird. Sie bietet vermutlich interaktive Lerninhalte, Tutorials und Übungsmöglichkeiten, die das Lernen im Handwerk spielerisch und effektiv gestalten. Solche digitalen Tools sind entscheidend, um die junge Generation, die mit digitalen Medien aufgewachsen ist, zu erreichen und für das Friseurhandwerk zu begeistern.
Weitere Innovationen sind bereits in Planung, wie beispielsweise eine App zur Prüfungsvorbereitung. Diese digitalen Hilfsmittel zeigen deutlich, dass das Friseurhandwerk eine zukunftsorientierte Branche ist, die bereit ist, neue Technologien zu adaptieren, um die Ausbildung zu optimieren und den Beruf für junge Talente attraktiver zu gestalten. Es erwartet kreative junge Menschen, die sich beruflich weiterentwickeln wollen, definitiv eine rosige Zukunft voller Möglichkeiten und spannender Herausforderungen.
Vergleich der Karrierewege im Friseurhandwerk
Um die verschiedenen Optionen besser zu veranschaulichen, bietet die folgende Tabelle eine Übersicht über die wichtigsten Abschlüsse und Fortbildungen im Friseurhandwerk:
| Abschluss / Fortbildung | Fokus | Voraussetzungen (i.d.R.) | Vorteile | DQR-Niveau |
|---|---|---|---|---|
| Geselle | Basis des Friseurhandwerks, praktische Fertigkeiten | Abgeschlossene Berufsausbildung | Einstieg in den Beruf, praktische Erfahrung, Grundlage für Weiterbildung | 3 |
| Geprüfter Colorist | Spezialisiertes Wissen in Farbtheorie und -anwendung | Gesellenprüfung | Expertenstatus in Farbgestaltung, höhere Kundenbindung, gefragte Fachkraft | N.A. (spez. Fortbildung) |
| Salonmanager | Betriebswirtschaftliche Kenntnisse, Personal- und Marketingmanagement | Gesellenprüfung, Berufserfahrung | Führungsrolle, Salonleitung, Unternehmenserfolg | N.A. (spez. Fortbildung) |
| Geprüfter OnAir-Stylist | Styling für Medien (Film, TV, Bühne) | Gesellenprüfung, evtl. Erfahrung | Arbeit in Medienproduktionen, spezialisierte Kreativität | N.A. (spez. Fortbildung) |
| Meisterbrief | Umfassendes Fachwissen, Betriebsführung, Ausbildung, Pädagogik | Gesellenprüfung, Berufserfahrung | Selbstständigkeit, Ausbildungsberechtigung, Hochschulzugang, Führungspositionen | 6 |
| Bachelor Beauty Management | Betriebswirtschaftslehre mit Branchenfokus | Meisterbrief oder Abitur | Akademischer Abschluss, breitere Karriereperspektiven, Management-Ebene | 6 |
| Betriebswirt des Handwerks | Vertiefte Betriebswirtschaftslehre, strategisches Management | Meisterbrief oder vergleichbare Qualifikation | Gleichwertig zum Master, Top-Management-Positionen, Unternehmensführung | 7 |
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Ist ein Studium für Friseure wirklich notwendig, um erfolgreich zu sein?
Nein, ein Studium ist nicht zwingend notwendig, um im Friseurhandwerk erfolgreich zu sein. Der Meisterbrief bietet bereits hervorragende Möglichkeiten zur Selbstständigkeit, zur Führung eines Salons und zur Ausbildung von Nachwuchskräften. Ein Studium wie „Beauty Management“ ist eine zusätzliche Option für diejenigen, die eine akademische Laufbahn einschlagen oder sich in größeren Unternehmensstrukturen der Beauty-Branche etablieren möchten.
Welche Vorteile bietet der Meisterbrief gegenüber einem akademischen Studium?
Der Meisterbrief ist ein praxisorientierter Abschluss, der direkt zur Selbstständigkeit im Friseurhandwerk befähigt. Er legt den Fokus auf handwerkliche Exzellenz, Betriebsführung im Salonkontext und die Befähigung zur Ausbildung. Er ist auf DQR-Niveau 6 angesiedelt, genau wie der Bachelor, und genießt in der Branche hohes Ansehen. Ein Studium bietet hingegen einen breiteren theoretischen Hintergrund, der nicht immer direkt auf den täglichen Salonbetrieb zugeschnitten ist, dafür aber Türen zu anderen Management-Positionen öffnen kann.
Kann ich als Friseurmeister an einer Universität oder Fachhochschule studieren?
Ja, absolut! Der Meisterbrief gilt in Deutschland als fachgebundene oder sogar allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Das bedeutet, dass Sie mit einem Meisterbrief auch ohne Abitur ein Studium an einer Universität oder Fachhochschule aufnehmen können, oft in fachlich verwandten Bereichen oder auch in allgemeinen Studiengängen, je nach Bundesland und Hochschule.
Wie kann ich meine Weiterbildungen im Friseurhandwerk finanzieren?
Viele Fort- und Weiterbildungen, die eine bestimmte Stundenanzahl (oft ab 400 Stunden) überschreiten, können durch das Aufstiegs-BAföG gefördert werden. Dies ist eine staatliche Förderung, die sowohl die Lehrgangs- und Prüfungsgebühren als auch den Unterhalt während der Weiterbildung unterstützen kann. Es lohnt sich immer, sich bei der zuständigen Handwerkskammer oder bei den BAföG-Ämtern über die genauen Bedingungen zu informieren.
Was genau ist die Berichtsheft-App und welche Vorteile bietet sie?
Die Berichtsheft-App ist ein digitales Ausbildungstagebuch für Friseur-Auszubildende. Sie ermöglicht es, Lerninhalte und Tätigkeiten, die im Salon, in der Berufsschule oder bei überbetrieblichen Lehrgängen erworben wurden, einfach und jederzeit per Smartphone oder Tablet zu dokumentieren. Vorteile sind die Datensicherheit durch Speicherung auf externen Servern, die Möglichkeit der Weiterführung des Berichtshefts bei einem Betriebs- oder Ausbilderwechsel und die Vereinfachung der Dokumentationspflicht für Auszubildende und Ausbilder.
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