19/11/2017
Die Welt des Homeoffice hat uns viele Freiheiten gebracht, aber auch neue Herausforderungen aufgeworfen, insbesondere wenn es um die Trennung von Arbeit und Privatleben geht. Eine kürzlich viral gegangene Geschichte hat diese Debatte neu entfacht: Ein Manager teilte öffentlich den Kalendereintrag einer Angestellten, die sich während der eigentlich vorgesehenen Arbeitszeit im Homeoffice gemütlich Strähnchen beim Coiffeur machen ließ. Diese Begebenheit löste eine Flut von Diskussionen aus und stellte die Frage in den Raum: Was ist im Homeoffice erlaubt und wo liegen die Grenzen?
Dieser Artikel beleuchtet den Fall aus verschiedenen Blickwinkeln – vom Arbeitsrecht über die Meinungen von HR-Experten bis hin zu Best Practices für eine moderne Arbeitskultur. Es geht nicht nur darum, was rechtlich zulässig ist, sondern auch darum, wie Unternehmen und Mitarbeiter ein Umfeld schaffen können, in dem Flexibilität, Produktivität und vor allem gegenseitiges Vertrauen Hand in Hand gehen.

- Der Fall, der die Gemüter erhitzt: Coiffeur im Homeoffice
- Arbeitsrechtliche Grundlagen: Was sagt das Gesetz?
- Vertrauensfrage oder Effizienzsteigerung? Die Meinungen der HR-Experten
- Best Practices für das Homeoffice: Wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer profitieren
- Häufig gestellte Fragen (FAQs)
- Kann ich während der Homeoffice-Arbeitszeit zum Arzt gehen?
- Was passiert, wenn ich meine Arbeit im Homeoffice früher erledige als erwartet?
- Muss ich meinen Chef über jeden kleinen privaten Erledigungstermin informieren?
- Was genau bedeutet die „Treuepflicht“ des Arbeitnehmers?
- Kann mein Arbeitgeber meine Aktivitäten im Homeoffice überwachen?
- Fazit: Vertrauen als Fundament der modernen Arbeitswelt
Der Fall, der die Gemüter erhitzt: Coiffeur im Homeoffice
Die Aufregung begann mit einem LinkedIn-Post von Kai-Gunnar Hering, dem Geschäftsführer der Hamburger Marketingagentur Dewon Media GmbH. Er äußerte sich zutiefst verärgert über eine seiner Angestellten, die laut ihrem Terminkalender von 9 Uhr bis 13 Uhr beim Coiffeur war, um sich „gemütlich die Strähnchen machen zu lassen“ – und das, während sie eigentlich im Homeoffice arbeiten sollte. Sein Fazit war unmissverständlich: „Das ist nicht Homeoffice. Das ist Chaos!“
Der Post verbreitete sich rasend schnell und sammelte über 5000 Kommentare. Unabhängig davon, ob Herings Beweggründe rein waren oder er lediglich Klicks generieren wollte, traf er einen Nerv. Die Debatte, die er auslöste, ist real und zeigt, wie sehr das Thema private Erledigungen während der Homeoffice-Arbeitszeit die arbeitende Bevölkerung bewegt. Viele fragten sich: Ist ein solcher Coiffeur-Besuch während der Arbeit völlig inakzeptabel oder gehört er zur modernen Arbeitswelt dazu? Die Antwort ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint.
Die Situation verdeutlicht die feine Linie zwischen der gewonnenen Flexibilität im Homeoffice und der Notwendigkeit, weiterhin produktiv und professionell zu bleiben. Während das Homeoffice viele Vorteile bietet, wie eine bessere Work-Life-Balance und weniger Pendelzeit, birgt es auch das Potenzial für Missverständnisse und Missbrauch, wenn klare Regeln und Erwartungen fehlen.
Arbeitsrechtliche Grundlagen: Was sagt das Gesetz?
Aus arbeitsrechtlicher Sicht ist der Fall, wie er sich darstellt, relativ klar. Das deutsche Arbeitsrecht – und ähnlich auch das schweizerische, auf das sich der Ursprungsartikel bezieht – legt klare Grenzen fest. Grundsätzlich gilt, dass private Erledigungen in der Pause oder in der Freizeit zu erledigen sind. Ein Coiffeur-Termin während der Arbeitszeit, sei es im Büro oder im Homeoffice, ist von Gesetzes wegen per se nicht erlaubt.
Dies hängt eng mit der sogenannten Treuepflicht des Arbeitnehmers zusammen. Die Treuepflicht besagt, dass der Arbeitnehmer die Interessen des Arbeitgebers wahren muss. Dazu gehört auch, die vereinbarte Arbeitsleistung zu erbringen und die Arbeitszeit nicht für private Zwecke zu missbrauchen. Wer sich dieser Pflicht widersetzt und ohne Absprache mit dem Arbeitgeber private Termine während der Arbeitszeit wahrnimmt, riskiert disziplinarische Maßnahmen. Diese können von einer Ermahnung über eine Abmahnung bis hin zur fristlosen Kündigung reichen, je nach Schwere und Häufigkeit des Verstoßes.
Entscheidend ist auch, ob es vertraglich festgelegte Arbeitszeiten oder Verfügbarkeiten gibt. Wenn im Arbeitsvertrag oder in Betriebsvereinbarungen feste Anwesenheitszeiten und Pausen definiert sind, müssen diese eingehalten werden – auch im Homeoffice. In solchen Fällen ist für jede Abweichung, insbesondere für private Termine, die ausdrückliche Einwilligung des Vorgesetzten erforderlich. Gibt es hingegen keine fest definierten Zeiten und die Arbeitsleistung wird ergebnisorientiert gemessen, kann die Situation anders bewertet werden, solange die vereinbarten Ziele erreicht werden und die Erreichbarkeit gewährleistet ist. Doch selbst dann sollte im Sinne des guten Miteinanders und der Transparenz eine offene Kommunikation mit dem Arbeitgeber stattfinden.
Vertrauensfrage oder Effizienzsteigerung? Die Meinungen der HR-Experten
Abseits der reinen Rechtslage wird die Debatte um Coiffeurbesuche im Homeoffice zu einer Frage der modernen Firmenkulturen und des gegenseitigen Vertrauens. Hier gehen die Meinungen von HR-Experten stark auseinander, was die Komplexität des Themas unterstreicht.
Stefan Hernandez (57), VR-Präsident des Karriereberatungsunternehmens Grass & Partner, äußert sich kritisch zum Fall. Für ihn steht die Effizienz im Vordergrund: „Ob Homeoffice bei so einem Umgang effizienzsteigernd ist, stelle ich infrage.“ Er betont, dass eine Homeoffice-Regelung auf gegenseitigem Vertrauen basieren müsse, damit die Arbeitszeit nicht für private Belange missbraucht werde. Für Hernandez ist klar: Wenn dieses Vertrauen missbraucht wird, muss der Arbeitgeber auch konsequent mit Verwarnungen und Entlassungen reagieren können.
Eine völlig andere, dezidierte Meinung vertritt Elke Rottmann (53), Gründerin der Headhunter-Firma Hearts and Brains. Sie hält einen Termin beim Coiffeur mitten am Tag für „absolut vertretbar“ – unter der entscheidenden Bedingung, dass die Arbeitsergebnisse stimmen. Rottmann argumentiert, dass es in der heutigen Arbeitswelt nicht mehr darum gehen sollte, vordefinierte Stunden abzusitzen und stets erreichbar zu sein. Stattdessen müsse der Fokus auf Produktivität und Ergebnisse liegen: „Und das misst sich nun mal an Resultaten und Qualität.“ Sie kritisiert die oft noch tief verwurzelte Mentalität des „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, die eine flexible und ergebnisorientierte Arbeitsweise erschwert.
Diese beiden Positionen spiegeln die Spannungen wider, die viele Unternehmen und Mitarbeiter derzeit erleben. Einerseits die Notwendigkeit, Leistung und Effizienz sicherzustellen, andererseits der Wunsch nach mehr Flexibilität und Autonomie. Die Lösung liegt oft in einem ausgewogenen Ansatz, der klare Erwartungen mit einem hohen Maß an Vertrauen verbindet.
Vergleich: Traditionelle vs. Moderne Arbeitsweise im Homeoffice
| Aspekt | Traditionelle Arbeitsweise (Präsenz-Fokus) | Moderne Arbeitsweise (Ergebnis-Fokus) |
|---|---|---|
| Fokus der Bewertung | Anwesenheit, Stunden absitzen, feste Zeiten | Erreichte Ergebnisse, Qualität der Arbeit, Zielerreichung |
| Umgang mit Flexibilität | Strikte Arbeitszeiten, wenig Spielraum für private Termine | Hohe Flexibilität, Vertrauen in Eigenverantwortung und Zeitmanagement |
| Private Termine | Nur in Pausen oder Freizeit erlaubt, strenge Kontrolle | Akzeptabel, solange die Leistung stimmt und vereinbarte Ziele erreicht werden |
| Rolle des Arbeitgebers | Kontrolle, Präsenzüberwachung, Mikromanagement | Befähigung, Zielvereinbarung, Coaching, Vertrauen, Loslassen können |
| Arbeitsort | Büro, feste Präsenz erwünscht | Flexibel, Homeoffice, Coworking, hybride Modelle |
Best Practices für das Homeoffice: Wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer profitieren
Der richtige Umgang mit Homeoffice ist für Unternehmen und Mitarbeiter gleichermaßen eine Herausforderung und eine Chance. Wie die Expertenmeinungen zeigen, ist es ein heikles Thema, das vor allem auf Vertrauen und der Fähigkeit basiert, „loslassen zu können“, wie Elke Rottmann es formuliert. Sich als Chef dem Homeoffice grundsätzlich entgegenzustemmen, ist in der heutigen Zeit nicht sinnvoll, da es längst zur Realität geworden ist.
Statt Forderungen nach absoluter Flexibilität oder starrer Präsenz ist aus Sicht der Experten das absolute Vertrauen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber der richtige Ansatz. Das bedeutet für Arbeitgeber, klar zu definieren, welche Ergebnisse erwartet werden, und den Mitarbeitern dann die Freiheit zu geben, wie und wann sie diese Ergebnisse erzielen. Leistung sollte immer der Indikator sein – und nicht die reine Anwesenheit oder Präsenzzeiten.

Elke Rottmann plädiert zudem für Offenheit der Vorgesetzten bei den Homeoffice-Arbeitszeiten. Wenn Arbeitnehmern einheitlich vorgeschrieben wird, wann und wie sie welche Leistung erbringen sollen, leidet darunter oft die Produktivität. Schließlich haben Menschen unterschiedliche Biorhythmen und sind zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich leistungsfähig. Die beste Lösung für das Homeoffice liegt daher in einer klaren Zielvereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wer weiß, was von ihm erwartet wird und wie die Leistung gemessen wird, kann eigenverantwortlich arbeiten. Und dann ist es auch völlig unerheblich, ob zwischendurch ein Termin beim Coiffeur oder ein Spaziergang stattfindet, solange die Arbeit erledigt wird.
Für Arbeitnehmer bedeutet das, ihre Eigenverantwortung ernst zu nehmen. Das heißt, proaktiv zu kommunizieren, wenn private Termine anstehen, die die Arbeitszeit überschneiden könnten, und sicherzustellen, dass die Arbeitsleistung nicht darunter leidet. Transparenz schafft Vertrauen und vermeidet Missverständnisse. Wenn ein Mitarbeiter beispielsweise einen längeren privaten Termin hat, könnte er vorschlagen, die fehlende Arbeitszeit am Abend oder Wochenende nachzuholen oder den Termin in eine längere Pause zu legen.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Die Debatte um private Termine im Homeoffice wirft viele Fragen auf. Hier sind einige der häufigsten, die sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber stellen:
Kann ich während der Homeoffice-Arbeitszeit zum Arzt gehen?
Arzttermine sind in der Regel genehmigungspflichtig und sollten, wenn möglich, außerhalb der Arbeitszeit gelegt werden. Ist dies nicht möglich (z.B. bei akuten Beschwerden oder festen Terminen), muss der Arbeitgeber informiert und die Freistellung genehmigt werden. Oftmals muss die versäumte Arbeitszeit nachgeholt werden, es sei denn, es handelt sich um eine unaufschiebbare medizinische Notwendigkeit. Im Homeoffice gelten hier grundsätzlich dieselben Regeln wie im Büro.
Was passiert, wenn ich meine Arbeit im Homeoffice früher erledige als erwartet?
Wenn Ihre Arbeit ergebnisorientiert ist und Sie Ihre Aufgaben schneller als erwartet abgeschlossen haben, ist es wichtig, dies mit Ihrem Arbeitgeber abzuklären. In vielen modernen Unternehmen, die auf Vertrauen setzen, können Sie dann in Absprache mit Ihrem Vorgesetzten den Rest des Tages frei gestalten. Es ist jedoch ratsam, dies im Vorfeld zu besprechen und nicht einfach den Laptop zuzuklappen, um Missverständnisse zu vermeiden.
Muss ich meinen Chef über jeden kleinen privaten Erledigungstermin informieren?
Für kurze private Erledigungen, die Sie in Ihrer regulären Pause erledigen können (z.B. einen kurzen Gang zum Supermarkt), ist in der Regel keine gesonderte Information erforderlich. Bei längeren Terminen, die in die Arbeitszeit fallen würden (wie ein Coiffeur-Besuch, der mehrere Stunden dauert), ist eine vorherige Absprache und Genehmigung durch den Arbeitgeber unerlässlich. Dies dient der Transparenz und dem Aufbau von Vertrauen.
Was genau bedeutet die „Treuepflicht“ des Arbeitnehmers?
Die Treuepflicht ist eine der Hauptpflichten des Arbeitnehmers im Arbeitsverhältnis. Sie besagt, dass der Arbeitnehmer die Interessen des Arbeitgebers loyal zu wahren hat. Dazu gehört, keine Konkurrenztätigkeiten auszuüben, Betriebsgeheimnisse zu wahren und vor allem die vereinbarte Arbeitszeit für die Erbringung der Arbeitsleistung zu nutzen. Ein Verstoß gegen die Treuepflicht kann weitreichende arbeitsrechtliche Konsequenzen haben.
Kann mein Arbeitgeber meine Aktivitäten im Homeoffice überwachen?
Die Überwachung von Homeoffice-Mitarbeitern ist ein sensibles Thema und unterliegt strengen datenschutzrechtlichen Bestimmungen. Eine permanente oder anlasslose Überwachung ist in der Regel unzulässig. Zulässig sind meist nur Maßnahmen, die der Sicherstellung der Arbeitsfähigkeit oder der IT-Sicherheit dienen, wie z.B. die Bereitstellung von Software zur Zeiterfassung oder zur Projektorganisation. Eine heimliche Überwachung oder das Ausspionieren privater Aktivitäten ist nicht erlaubt und kann rechtliche Konsequenzen für den Arbeitgeber haben.
Im Kern geht es immer um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den berechtigten Interessen des Arbeitgebers an der Arbeitsleistung und den Rechten des Arbeitnehmers auf Privatsphäre und Flexibilität. Offene Kommunikation und klare Regeln sind hier der Schlüssel.
Fazit: Vertrauen als Fundament der modernen Arbeitswelt
Der Fall des Coiffeur-Besuchs während der Homeoffice-Arbeitszeit ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich die Arbeitswelt verändert und welche Spannungen dabei entstehen können. Er zeigt deutlich, dass die traditionelle Vorstellung von Arbeitszeit und Anwesenheit in einer zunehmend flexiblen und digitalen Welt an ihre Grenzen stößt. Die Lösung liegt nicht in strengerer Kontrolle oder absoluter Freiheit, sondern in einem intelligenten Mittelweg, der auf gegenseitigem Vertrauen, klar definierten Zielen und einer ergebnisorientierten Arbeitsweise basiert.
Für Arbeitgeber bedeutet dies, den Mut zu haben, „loszulassen“ und ihren Mitarbeitern mehr Autonomie zu gewähren. Dies erfordert jedoch auch, transparente Erwartungen zu formulieren und bei Missbrauch konsequent zu handeln. Für Arbeitnehmer bedeutet es, ihre Eigenverantwortung ernst zu nehmen, transparent zu kommunizieren und stets sicherzustellen, dass die vereinbarten Aufgaben und Ergebnisse termingerecht und in hoher Qualität geliefert werden.
Die Zukunft der Arbeit, insbesondere im Homeoffice, wird von der Fähigkeit abhängen, eine Kultur zu schaffen, in der Flexibilität nicht als Freifahrtschein für private Erledigungen missverstanden wird, sondern als Werkzeug zur Steigerung von Produktivität und Mitarbeiterzufriedenheit. Nur wenn beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – diesen Wandel aktiv mitgestalten und sich an gemeinsame Regeln halten, kann das Homeoffice sein volles Potenzial entfalten und zu einem echten Gewinn für alle Beteiligten werden.
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