Wie geht es weiter mit dem coiffeurberuf?

Coiffeurberuf im Wandel: Krise oder Chance?

20/04/2022

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Der Coiffeurberuf gilt seit jeher als kreatives Handwerk, das Menschen verschönert und glücklich macht. Während der Pandemie wurde er gar als systemrelevant eingestuft, und selbst die künstliche Intelligenz kann ihm nichts anhaben. Doch hinter dieser scheinbaren Stabilität verbirgt sich eine besorgniserregende Entwicklung: Die Zahl der Coiffeur-Lehrlinge in der Schweiz sinkt drastisch, und immer mehr junge Talente brechen ihre Ausbildung vorzeitig ab. Was sind die Gründe für diese Krise, und wie kann das traditionsreiche Handwerk gerettet werden?

Der Nachwuchsmangel: Ein alarmierendes Problem

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Innerhalb von nur fünf Jahren ist die Zahl der Coiffeur-Lehrabschlüsse von 1012 auf 780 im Jahr 2023 gesunken. Gleichzeitig liegt die Abbrecherquote bei erschreckenden 39 Prozent. Das bedeutet, fast jeder zweite Lehrling beendet seine Ausbildung nicht. Doch das Problem liegt nicht, wie oft vermutet, an mangelnder Belastbarkeit der jungen Generation, sondern vielmehr an den Ausbildungsbetrieben selbst. So zumindest die Ansicht von Eddine Belaid, Inhaber eines Salons in Zürich und Mitglied von Coiffure Suisse, dem Dachverband der kantonalen Coiffeurverbände.

Warum gibt es so viele Abbrüche in der Coiffure Suisse?
Laut Damien Ojetti, Präsident von Coiffure Suisse, sind zwischenmenschliche Differenzen der Hauptgrund für die vielen Abbrüche. Er verneint nicht, dass gewisse Friseure den Lehrlingen zu viele Assistenzarbeiten zumuten. Es gebe gute und schlechte Ausbildungsbetriebe.

Belaid kritisiert offen seine eigene Branche. Er sieht einen massiven Missbrauch von Lernenden als billige Arbeitskräfte. Die heutige Generation sucht Sinn in ihrer Tätigkeit und möchte etwas lernen. Doch stattdessen werden viele Lehrlinge primär für Putz- und Aufräumarbeiten eingesetzt, um die Betriebskosten zu senken und Umsätze zu steigern. Dies vergrault den Nachwuchs und führt zu Frustration und vorzeitigen Abbrüchen.

Putzen statt Haareschneiden: Die bittere Realität der Ausbildung

Geschichten wie die von Peter Hugi, einem jungen, selbstständigen Haarstylisten aus Zürich, sind symptomatisch für die Missstände. Obwohl er seine Lehre erfolgreich abgeschlossen und sich bereits selbstständig gemacht hat, weiss er aus Gesprächen in der Berufsschule, wie es seinen ehemaligen Mitschülern erging. Viele mussten über lange Zeiträume hinweg vorwiegend putzen und aufräumen, bevor sie überhaupt eine Schere in die Hand nehmen durften. Hugi erinnert sich an Kolleginnen, die bis zur Zwischenprüfung im zweiten Lehrjahr keine einzige Coiffeur-Schere in der Hand hatten – eine erschreckende Tatsache, die die Qualität der Ausbildung infrage stellt.

Ein weiteres Problem sind die oft unzureichenden Übungsmöglichkeiten. Während Peter Hugi sich durch Eigeninitiative und das Organisieren von Übungspersonen bereits im ersten Lehrjahr anspruchsvolle Techniken wie Balayage aneignen konnte, mussten andere ihre Übungen nach Ladenschluss, also von 18:30 Uhr bis 22:30 Uhr, absolvieren. Solche Arbeitszeiten nach einem langen Arbeitstag mindern nicht nur die Konzentration, sondern nehmen den Lernenden auch ihre Freizeit und Motivation.

Geringe Löhne und Imageverlust

Hinzu kommen die extrem tiefen Lehrlingslöhne, die zwischen 400 und 700 Franken liegen. Im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen, beispielsweise im kaufmännischen Bereich, sind diese Gehälter oft peinlich und tragen massgeblich zum Imageverlust des Berufs bei. Viele junge Menschen empfinden den Coiffeurberuf als zu wenig attraktiv, wenn sie für harte Arbeit so gering entlohnt werden und gleichzeitig kaum die Möglichkeit erhalten, ihr Handwerk zu erlernen.

Diese Faktoren führen dazu, dass die Coiffeur-Lehre für viele Junge nicht mehr interessant genug ist. Die Salons, die jahrelang mit Bewerbungen überschwemmt wurden und Lehrlinge als günstige Assistenten sahen, stehen nun vor einem riesigen Problem: Offene Stellen können nicht mehr mit eigenem Nachwuchs besetzt werden, und auch unter den Ausgelernten herrscht ein gravierender Mangel. Viele Salons suchen händeringend Fachkräfte, denn ohne qualifiziertes Personal verlieren sie unweigerlich ihre Kundschaft.

Die fatalen Auswirkungen der Krise auf die Branche

Die fehlenden Lehrlinge und die hohe Abbrecherquote haben weitreichende Konsequenzen für die gesamte Coiffeurbranche. Während die Bevölkerung in der Schweiz stetig wächst und damit potenziell auch der Markt für Friseurdienstleistungen, sinkt die Zahl der ausgebildeten Fachkräfte kontinuierlich. Dies führt zu einem immer grösseren Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Salons können nicht alle Kundenwünsche erfüllen, müssen Termine ablehnen oder sogar ihre Öffnungszeiten reduzieren, was letztlich zu Umsatzeinbussen führt. Die Qualität der Dienstleistungen könnte leiden, wenn unerfahrenes Personal eingesetzt werden muss, oder die Wartezeiten für einen Termin werden unzumutbar lang. Die Konkurrenz durch Billig-Barbershops, die oft keine ausgebildeten Coiffeusen und Coiffeure beschäftigen, verschärft die Situation zusätzlich, da sie den Druck auf Preise und Löhne erhöht.

Peter Hugi berichtet, dass nur wenige Monate nach seiner Abschlussprüfung bereits die Hälfte seines Jahrgangs nicht mehr in dem Beruf arbeitete. Dies ist besonders besorgniserregend, da viele von ihnen ihre Ausbildung in eigentlich sehr guten Salons absolviert hatten. Es zeigt, dass das Problem systematischer Natur ist und über einzelne „schlechte“ Betriebe hinausgeht.

Wege aus der Krise: Eine attraktivere Zukunft für den Coiffeurberuf

Um dem Nachwuchsproblem entgegenzuwirken, sind primär die einzelnen Salons gefordert, ihre Ausbildungsbedingungen zu verbessern. Damien Ojetti, Präsident von Coiffure Suisse, nennt zwischenmenschliche Differenzen als Hauptgrund für die vielen Abbrüche und räumt ein, dass manche Friseure Lehrlinge zu stark mit Assistenzarbeiten belasten. Der Verband selbst kann die Ausbildung der einzelnen Betriebe nicht direkt kontrollieren, da dies in die Zuständigkeit der Kantone fällt.

Dennoch gibt es positive Ansätze. Coiffure Suisse hat letztes Jahr eine Werbekampagne auf Social Media gestartet, um junge Menschen für den Beruf zu begeistern. Viel entscheidender sind jedoch die Massnahmen in den Betrieben selbst. Eddine Belaid hat für seinen Salon ein umfassendes Ausbildungsprogramm entwickelt, das eine ausführliche Einführung und mehrere Stufen umfasst. Demnach können Lernende erst schwierigere Aufgaben ausführen, wenn sie grundlegende Techniken wie Mèches und einfache Barber-Aufgaben beherrschen. Dieser strukturierte Ansatz stellt sicher, dass die Lehrlinge schrittweise Kompetenzen aufbauen und sich nicht überfordert fühlen.

Auch andere Salons haben dazugelernt und planen inzwischen freie Halbtage ohne Kundschaft ein, damit die Lernenden ihre Übungshaarschnitte nicht mehr in ihrer Freizeit machen müssen. Dies ist ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Work-Life-Balance und der Lernqualität.

Ein zentraler Punkt ist auch die Vermittlung von Karriereperspektiven und Verdienstmöglichkeiten. Eddine Belaid möchte jungen Menschen zeigen, dass man als Coiffeur durchaus Karriere machen kann – sei es als Salonmanager, Lehrlingsausbilder oder spezialisierter Stylist. Er betont, dass richtig gute, engagierte Coiffeure im höheren vierstelligen Bereich verdienen können, insbesondere durch Provisionen, hervorragende Leistungen, gute Kundenbeziehungen und Chefs, die bereit sind, am Erfolg teilzuhaben. Auch Peter Hugi bestätigt, dass die Zeiten, in denen alle Coiffeure schlecht bezahlt waren, vorbei sind. Es sei wichtig, den richtigen Arbeitgeber zu wählen, da es immer noch Betriebe gebe, die Lehrabgänger ausbeuten.

Die Nachfrage nach ausgebildeten Spezialisten ist gross, gerade weil viele der neuen Billig-Barbershops oft keine qualifizierten Fachkräfte beschäftigen. Dies schafft eine Nische und eine grosse Chance für professionell ausgebildete Coiffeure, die ihr Handwerk beherrschen und ihren Kunden eine hohe Qualität bieten können.

Vergleich: Alte vs. Neue Ausbildungsansätze

Um die Zukunft des Coiffeurberufs zu sichern, ist ein Umdenken in der Ausbildung unerlässlich. Hier ein Vergleich der alten und neuen Ansätze:

AspektBisherige Praxis (oft kritisiert)Zukünftiger Ansatz (angestrebt)
Rolle des LehrlingsBillige Arbeitskraft, primär für Putz- und AssistenzarbeitenWertvoller Lernender, der aktiv ins Handwerk eingeführt wird
Praktische AusbildungSehr begrenzt, oft erst nach langer Zeit oder in der FreizeitStrukturiert, mit festen Übungszeiten und schrittweisem Kompetenzaufbau
VerdienstmöglichkeitenExtrem tiefe Lehrlingslöhne, geringe Perspektiven nach der LehreFaire Lehrlingslöhne, klare Wege zu attraktiven Gehältern durch Leistung
Image des BerufsGeringe Attraktivität, keine attraktive KarriereoptionAttraktiver, kreativer Beruf mit vielfältigen Karriere- und Spezialisierungsmöglichkeiten
AbbrecherquoteSehr hoch (ca. 39%)Deutlich niedriger durch höhere Zufriedenheit und bessere Ausbildung

Häufig gestellte Fragen zum Coiffeurberuf

Warum brechen so viele Coiffeur-Lehrlinge ihre Ausbildung ab?
Hauptgründe sind die übermässige Nutzung von Lehrlingen für Putz- und Aufräumarbeiten statt für das Erlernen des Handwerks, zu wenig praktische Übung, geringe Lehrlingslöhne und das Fehlen klarer Karriereperspektiven in vielen Salons.

Ist der Coiffeurberuf durch künstliche Intelligenz bedroht?
Nein, laut Experten ist der Coiffeurberuf nicht durch künstliche Intelligenz bedroht. Es handelt sich um ein Handwerk, das Kreativität, menschliche Interaktion und feinfühlige Arbeit am Menschen erfordert, was von KI nicht ersetzt werden kann.

Kann man als Coiffeur gut verdienen?
Ja, ein gutes Einkommen ist möglich. Obwohl die Lehrlingslöhne niedrig sind, können engagierte und talentierte Coiffeure mit entsprechendem Know-how, guten Kundenbeziehungen und durch Provisionen im höheren vierstelligen Bereich verdienen. Spezialisierungen und Managementpositionen eröffnen weitere Verdienstmöglichkeiten.

Was tut Coiffure Suisse gegen den Nachwuchsmangel?
Coiffure Suisse hat eine Werbekampagne auf Social Media gestartet, um den Beruf attraktiver zu machen. Der Verband ruft zudem die einzelnen Salons dazu auf, ihre Ausbildungsbedingungen zu verbessern und strukturierte Ausbildungsprogramme anzubieten.

Welche Karrieremöglichkeiten gibt es im Coiffeurberuf?
Neben der Tätigkeit als angestellter oder selbstständiger Coiffeur gibt es Möglichkeiten zur Spezialisierung (z.B. Farbexperte, Barber, Haarverlängerungen), zum Salonmanager, Lehrlingsausbilder oder sogar zum Führen eines eigenen Salons. Die Branche bietet vielfältige Entwicklungspfade.

Fazit: Ein Beruf mit Zukunft, wenn die Ausbildung stimmt

Der Coiffeurberuf ist ein wunderschönes, erfüllendes und systemrelevantes Handwerk, das Menschen Freude bereitet. Die aktuelle Krise des Nachwuchsmangels ist ernst, aber nicht unlösbar. Sie ist vielmehr ein Weckruf an die gesamte Branche, die Ausbildung neu zu denken und attraktiver zu gestalten. Indem Salons ihren Lehrlingen von Anfang an eine sinnvolle und praxisorientierte Ausbildung bieten, sie fair entlohnen und ihnen klare Karrierewege aufzeigen, kann das Image des Berufs wieder aufpoliert werden. Nur so wird es gelingen, die dringend benötigten jungen Talente für dieses kreative und zukunftssichere Handwerk zu begeistern und langfristig zu halten. Die Zukunft des Coiffeurberufs liegt in den Händen der Ausbildungsbetriebe – sie müssen lernen, ihre „Stifte“ nicht als Putzkräfte, sondern als wertvolle Investition in die Zukunft des Friseurhandwerks zu sehen.

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