28/07/2021
Die Verwandlung ist verlockend, das Ergebnis oft beeindruckend: Eine neue Haarfarbe kann das Aussehen komplett verändern, graue Haare verschwinden lassen oder einfach nur Lust auf etwas Neues stillen. Millionen von Menschen greifen regelmäßig zur dauerhaften Haarfarbe – jede zweite Frau und mittlerweile jeder zehnte Mann. Doch hinter dem glänzenden Ergebnis verbirgt sich eine komplexe Welt aus Chemie, Versprechen und potenziellen Risiken. Während Haartönungen mit jeder Haarwäsche verblassen, lagern sich bei der dauerhaften Coloration Farbpigmente tief im Haar ein, für ein langanhaltendes Ergebnis. Doch welche Substanzen ermöglichen diese Dauerhaftigkeit, und sind sie wirklich so unbedenklich, wie man hoffen möchte?
- Die Chemie hinter der Farbe: Wie dauerhafte Koloration funktioniert
- Gesundheitsrisiken im Fokus: Die dunkle Seite der Haarpracht
- Allergien: Eine lebenslange Bürde
- EU-Regulierung und ÖKO-TESTs im Spiegel: Die Wahrheit über „grüne“ Haarfarben
- Vergleich: Chemische vs. Natürliche Haarfarben
- Tipps für den bewussten Umgang mit Haarfarben
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Fazit: Schönheit mit Bedacht
Die Chemie hinter der Farbe: Wie dauerhafte Koloration funktioniert
Dauerhafte Haarfarben sind wahre Meisterwerke der Chemie. Ihr Geheimnis liegt in der Fähigkeit, die natürliche Haarfarbe nicht nur zu überdecken, sondern sie chemisch zu verändern. Dies geschieht durch eine Oxidationsreaktion, bei der kleine Farbvorstufen – oft aromatische Amine – in das Haar eindringen und dort zu größeren, farbgebenden Molekülen reagieren. Diese neuen Farbpigmente sind so groß, dass sie nicht mehr einfach aus dem Haar herausgewaschen werden können. Das Ergebnis ist eine intensive, dauerhafte Farbe, die auch eine zuverlässige Abdeckung von grauem Haar ermöglicht.

Für diesen Prozess sind verschiedene Komponenten notwendig: Das Farbbad selbst enthält die Farbvorstufen, während ein Entwickler – meist eine Wasserstoffperoxidlösung – als Oxidationsmittel dient. Diese Kombination öffnet die Schuppenschicht des Haares, ermöglicht das Eindringen der Farbstoffe und deren Umwandlung. Die Effizienz dieses Prozesses macht dauerhafte Colorationen so beliebt, birgt aber auch ihre Tücken, da die verwendeten Chemikalien nicht immer unproblematisch sind.
Gesundheitsrisiken im Fokus: Die dunkle Seite der Haarpracht
Die Euphorie über die perfekte Haarfarbe wird oft von Bedenken überschattet, die in der Vergangenheit immer wieder aufkamen. Schon ÖKO-TESTs in früheren Jahren zeigten, dass Haarfarben aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung schlecht abschnitten. Die Notwendigkeit starker Chemikalien für eine zuverlässige Grauabdeckung geht Hand in Hand mit potenziellen gesundheitlichen Nebenwirkungen. Ein alarmierendes Beispiel war eine US-Studie aus dem Jahr 2001, die einen Zusammenhang zwischen Haarefärben und Blasenkrebs belegte.
Als Reaktion darauf legte die EU-Kommission im Jahr 2003 ein umfassendes Bewertungsprogramm auf. Ziel war es, jene Haarfarbstoffe zu identifizieren, die von Toxikologen als sicher eingestuft werden konnten. Das Ergebnis war eine massive Bereinigung des Marktes: Von ursprünglich 381 Färbechemikalien landeten rund 200 Substanzen rasch auf einer Verbotsliste. Mittlerweile existiert eine Positivliste mit mehr als 70 Substanzen, die mit gewissen Beschränkungen als sicher gelten. Der aktuelle Standpunkt des wissenschaftlichen Beratergremiums der EU-Kommission besagt, dass ein Krebsrisiko durch die derzeit in der EU erhältlichen Haarfärbemittel nicht bestehe. Doch nicht alle Experten teilen diese optimistische Einschätzung. Dr. Hermann Kruse, Toxikologe von der Universität Kiel, mahnt zur Vorsicht: „Aus meiner Sicht ist eine abschließende Bewertung des Krebsrisikos der als Färbechemikalien eingesetzten aromatischen Amine nicht möglich.“ Diese unterschiedlichen Sichtweisen unterstreichen die Komplexität und die fortbestehende Diskussion um die Langzeitwirkungen.
Allergien: Eine lebenslange Bürde
Selbst wenn das Krebsrisiko als gering eingeschätzt wird, bleiben andere ernstzunehmende Gesundheitsrisiken bestehen, insbesondere im Bereich der Allergien. Viele der Färbechemikalien, die sich auf der Positivliste befinden, gelten als starke Kontaktallergene. Das bedeutet, sie können bei Hautkontakt eine allergische Reaktion auslösen. Besonders problematisch sind hierbei Substanzen wie p-Phenylendiamin (PPD) und 2,5-Toluylendiamin (PTD).
Professor Axel Schnuch vom Informationsverbund Dermatologischer Kliniken, der weltweit größten Datenbank zu Kontaktallergien, bringt das Problem auf den Punkt: „Hautreaktionen auf p-Phenylendiamin und 2,5-Toluylendiamin verlaufen schwer. Daher sollte alles getan werden, um sie zu vermeiden.“ Eine einmal entwickelte Kontaktallergie gegen diese Stoffe besteht ein Leben lang. Das bedeutet, dass jeder weitere Kontakt mit diesen Substanzen – sei es in Haarfarben oder anderen Produkten – zu einer erneuten, oft noch stärkeren allergischen Reaktion führen kann. Symptome reichen von Juckreiz und Rötungen über Schwellungen bis hin zu Blasenbildung und schwerwiegenden anaphylaktischen Schocks. Daher ist ein Allergietest (Patch-Test) vor jeder Anwendung einer dauerhaften Haarfarbe, auch bei bekannter Verträglichkeit, absolut unerlässlich.
EU-Regulierung und ÖKO-TESTs im Spiegel: Die Wahrheit über „grüne“ Haarfarben
Die EU-Regulierung hat zweifellos zu einer Verbesserung der Sicherheit von Haarfarben geführt, indem sie viele der gefährlichsten Substanzen verboten hat. Doch die Diskussion um die verbleibenden Chemikalien und deren Langzeitwirkungen bleibt bestehen. Der Markt reagiert auf das wachsende Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher mit Produkten, die sich als „natürlich“ oder „pflanzlich“ vermarkten. Doch ist das auch die Realität?
Ein aktueller Test, bei dem 22 dauerhafte Haarfarben mit dem Versprechen einer sehr guten Grauabdeckung eingekauft und untersucht wurden, lieferte ernüchternde Ergebnisse. Alle getesteten Haarfarben enthielten problematische Färbesubstanzen und erhielten die Note „ungenügend“. Besonders enttäuschend war das Abschneiden der vermeintlich „grünen“ Produkte:
- Die Marke Naturtint wirbt „mit Pflanzenextrakten“, ist aber im Grunde eine Chemiekeule wie die anderen Produkte im Test.
- Ähnlich verhält es sich mit der Marke Sanotint, die „mit Goldhirse und Pflanzenextrakten“ als natürlich punkten will, tatsächlich aber eine chemische Coloration ist.
- Auch der Name Henna Plus führt in die Irre: Obwohl der Hersteller mit „Inhaltsstoffen mit Bio-Zertifizierung“ Eindruck schinden will, verbirgt sich dahinter reine Chemie.
Diese Ergebnisse zeigen deutlich, dass Marketingversprechen oft nicht mit der chemischen Realität übereinstimmen. Die Fähigkeit, graue Haare dauerhaft und zuverlässig abzudecken, ist ohne den Einsatz von oxidativen Chemikalien, insbesondere aromatischen Aminen, kaum möglich. Die Verbraucher sollten sich daher nicht von blumigen Bezeichnungen täuschen lassen, sondern genau auf die Inhaltsstoffe achten.

Vergleich: Chemische vs. Natürliche Haarfarben
Um die Unterschiede zwischen den im Test kritisierten chemischen Haarfarben und tatsächlich natürlichen Alternativen zu verdeutlichen, hilft ein direkter Vergleich:
| Merkmal | Dauerhafte chemische Haarfarben (getestete Produkte) | Reine Pflanzenhaarfarben (z.B. Henna, Indigo) |
|---|---|---|
| Grauabdeckung | Sehr gut, zuverlässig und intensiv | Von transparent bis deckend, je nach Haarstruktur und Anwendung; oft mehrschrittig für Grauabdeckung notwendig |
| Farbpalette | Breit und vielfältig, auch Aufhellung möglich | Begrenzt auf Erdtöne, Rot, Braun, Schwarz; keine Aufhellung |
| Haltbarkeit | Dauerhaft, wäscht sich nicht aus, lediglich Ansatzfärbung nötig | Dauerhaft, aber kann mit der Zeit verblassen oder sich leicht verändern |
| Wirkweise | Chemische Veränderung der Haarstruktur, Farbpigmente dringen in den Haarschaft ein | Färben durch Anlagerung von Pigmenten an die äußere Haarschicht (Haarumhüllung) |
| Inhaltsstoffe | Aromatische Amine (z.B. PPD, PTD), Wasserstoffperoxid, Resorcin, Ammoniak etc. | Getrocknete Pflanzenpulver (z.B. Lawsonia Inermis für Henna, Indigofera Tinctoria für Indigo), Wasser |
| Allergierisiko | Hoch bei sensibilisierenden Stoffen (PPD, PTD), lebenslange Allergie möglich | Geringer, aber nicht ausgeschlossen; rein natürliche Pflanzenprodukte sind in der Regel gut verträglich |
| Anwendung | Relativ schnell und einfach, oft als 1-Schritt-System | Oft zeitaufwendiger, längere Einwirkzeiten, manchmal 2-Schritt-Anwendung für dunkle Töne |
Tipps für den bewussten Umgang mit Haarfarben
Angesichts der komplexen Informationen und potenziellen Risiken stellt sich die Frage: Wie kann man seine Haare färben und gleichzeitig die Gesundheit schützen? Hier sind einige wichtige Ratschläge:
- Immer einen Allergietest durchführen: Auch wenn Sie ein Produkt schon einmal verwendet haben, sollten Sie 48 Stunden vor jeder neuen Anwendung einen Patch-Test (Hautverträglichkeitstest) durchführen. Eine Allergie kann sich jederzeit entwickeln.
- Inhaltsstoffe prüfen: Achten Sie auf die Inhaltsstoffliste (INCI). Substanzen wie p-Phenylendiamin (PPD), 2,5-Toluylendiamin (PTD) und Resorcin sind häufige Auslöser für Allergien.
- Lüften Sie gut: Sorgen Sie während des Färbeprozesses für eine gute Belüftung, um das Einatmen von Dämpfen zu minimieren.
- Handschuhe tragen: Schützen Sie Ihre Hände konsequent mit Handschuhen.
- Weniger ist mehr: Wenn möglich, verlängern Sie die Abstände zwischen den Färbungen. Konzentrieren Sie sich vielleicht nur auf den Haaransatz, statt die gesamte Haarlänge immer wieder zu färben.
- Professionelle Beratung: Ein erfahrener Friseur kann Sie nicht nur bei der Farbwahl beraten, sondern auch auf Ihre individuellen Bedürfnisse und mögliche Risiken eingehen.
- Natürliche Alternativen in Betracht ziehen: Wenn Sie empfindlich sind oder Risiken minimieren möchten, informieren Sie sich über reine Pflanzenhaarfarben wie Henna oder Indigo. Beachten Sie jedoch deren spezifische Eigenschaften und Einschränkungen, insbesondere bei der Grauabdeckung und Farbauswahl.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sind alle dauerhaften Haarfarben gefährlich?
„Gefährlich“ ist ein starkes Wort. Die EU hat viele der potenziell schädlichsten Substanzen verboten. Dennoch enthalten alle dauerhaften Haarfarben chemische Inhaltsstoffe, die bei manchen Menschen Allergien auslösen können. Ein Restrisiko, insbesondere in Bezug auf Langzeitwirkungen, wird von einigen Experten nicht ausgeschlossen. Der aktuelle EU-Standpunkt sieht kein Krebsrisiko durch die derzeit erhältlichen Mittel.
Was ist der Unterschied zwischen Tönung und Coloration?
Der Hauptunterschied liegt in der Dauerhaftigkeit und Wirkweise. Eine Tönung (temporäre Farbe) lagert Pigmente nur äußerlich am Haar an und wäscht sich nach einigen Haarwäschen wieder heraus. Eine Coloration (dauerhafte Farbe) dringt durch eine chemische Reaktion in das Haar ein und verändert die Farbpigmente im Inneren, was zu einem permanenten Farbergebnis führt.
Wie kann ich mich vor Allergien schützen?
Der wichtigste Schutz ist der sogenannte Patch-Test (Allergietest). Tragen Sie eine kleine Menge des Produkts 48 Stunden vor der vollständigen Anwendung auf eine unauffällige Hautstelle (z.B. hinter dem Ohr oder in der Armbeuge) auf. Treten Rötungen, Juckreiz oder Schwellungen auf, verwenden Sie das Produkt auf keinen Fall. Tragen Sie beim Färben immer Handschuhe und sorgen Sie für gute Belüftung.
Gibt es wirklich „natürliche“ dauerhafte Haarfarben?
Im Sinne einer chemiefreien, dauerhaften Grauabdeckung, wie sie konventionelle Produkte bieten, gibt es keine „natürlichen“ Haarfarben. Produkte, die als „natürlich“ beworben werden und dennoch eine intensive, dauerhafte Grauabdeckung versprechen, enthalten meist die gleichen chemischen Oxidationsfarbstoffe. Echte Pflanzenhaarfarben (wie reines Henna oder Indigo) sind natürlich, haben aber eine andere Wirkweise, eine eingeschränktere Farbpalette und decken graue Haare anders ab.
Warum werden diese Produkte noch verkauft, wenn sie im Test „ungenügend“ abschneiden?
Die „ungenügend“-Bewertung im ÖKO-TEST bezieht sich auf die Anwesenheit von problematischen, aber in der EU zugelassenen Chemikalien, die potenziell Allergien auslösen können oder deren Langzeitwirkung nicht vollständig geklärt ist. Die Produkte erfüllen die gesetzlichen Vorschriften für den Verkauf, aber ÖKO-TEST bewertet strenger nach gesundheitlichen und umweltrelevanten Kriterien, die über die Mindestanforderungen hinausgehen.
Fazit: Schönheit mit Bedacht
Dauerhafte Haarfarben sind ein fester Bestandteil vieler Schönheitsroutinen und bieten eine effektive Möglichkeit zur Veränderung. Doch die vorliegenden Informationen und Testergebnisse mahnen zur Vorsicht. Die Chemie, die für die langanhaltende Farbbrillanz sorgt, birgt nach wie vor Risiken, insbesondere in Bezug auf Allergien, deren Auswirkungen lebenslang bestehen können. Auch wenn die EU-Regulierungen die Situation verbessert haben, bleibt eine kritische Auseinandersetzung mit den Inhaltsstoffen und eine bewusste Anwendung unerlässlich. Informieren Sie sich, testen Sie und treffen Sie Ihre Entscheidung für schöne Haare mit Bedacht und unter Berücksichtigung Ihrer Gesundheit.
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